[„Da war mir klar, etwas Anderes wird mich nicht mehr glücklich machen“ – eine qualitative, typenbildende Interviewstudie zu Sinnerleben und Motivation im Medizinstudium an zwei medizinischen Fakultäten]
Felix Albrecht 1Claudia Kiessling 2
Gina Atzeni 3
Pascal O. Berberat 4
Paula Matcau 4
Gabriele Lutz 2
1 Universität Witten/Herdecke, Fakultät für Gesundheit, Witten, Deutschland
2 Universität Witten/Herdecke, Fakultät für Gesundheit, Lehrstuhl für die Ausbildung personaler und interpersonaler Kompetenzen im Gesundheitswesen, Witten, Deutschland
3 LMU München, Institut für Soziologie, München, Deutschland
4 Technische Universität München, TUM School of Medicine and Health, Department of Clinical Medicine, TUM Medical Education Center, München, Deutschland
Zusammenfassung
Zielsetzung: Ziel der vorliegenden Untersuchung war es, Zusammenhänge zwischen Sinnerleben, Sinnkrisen und der Motivation von Medizinstudierenden qualitativ zu beschreiben.
Methoden: Leitfadengestützte Interviews mit 20 Studierenden im klinischen Studienabschnitt wurden mittels typenbildender qualitativer Inhaltsanalyse nach Kuckartz ausgewertet.
Ergebnisse: Als berufliche Sinnquellen konnten Zugehörigkeit und Teamarbeit, Leistung und Entwicklungsstreben, Autonomie, Kohärenz und gesellschaftliche Relevanz identifiziert werden. Als hemmende Faktoren des Sinnerlebens wurden Transitionsphasen, Leistungsdruck, negative Lernerfahrungen und professions- oder systembezogene Herausforderungen genannt.
Die Studierenden berichteten, dass sich Sinnerleben und Sinnkrisen auf ihre Motivation auswirkte. Hier konnten vier spezifische Typen identifiziert werden, die sich in der Ausprägung der Motivation für das Studium und den späteren Berufseinstieg, in beruflichem Sinnerleben und -krisen, akzentuieren. Die Berufenen hatten die stärkste Motivation und ein hohes Sinnerleben bei kaum vorhandenen Sinnkrisen. Bei den Suchenden war das Sinnerleben hoch, jedoch durch Sinnkrisen die Motivation gering, im Gegensatz zu den Zweifelnden, bei denen auch das Sinnerleben geringer war. Jobber zeigten trotz geringem Sinnerleben oder -krisen Motivation für das Studium und den späteren Beruf.
Schlussfolgerung: Es konnte gezeigt werden, dass die Motivation für das Studium und den späteren Berufseinstieg mit dem Sinnerleben und -krisen der Studierenden verbunden war. Die vorgeschlagene Typenbildung zeigt individuelle Akzentuierungen der Studierenden. Es bedarf weiterer Forschung, um die gefundenen Zusammenhänge zu bestätigen und daraus gezielte Interventionen abzuleiten.
Schlüsselwörter
Sinnerleben, Sinnkrisen, Sinnsuche, Sinntypen, Motivation, medizinische Ausbildung, Medizinstudierende
1. Einleitung
Sinn zu suchen und zu finden ist ein zentrales Element der menschlichen Existenz [1] und kann die Motivation von Menschen beeinflussen [2]. In der wissenschaftlichen Literatur wird Sinnerleben unterschiedlich definiert. Martela und Kolleg*innen schlugen auf Basis der bestehenden Sinndefinitionen folgende drei wesentliche inhaltliche Gemeinsamkeiten für eine Definition vor: Bedeutung, Zweck und Kohärenz [3]. Sinnerleben könne erstens aus der subjektiven Bedeutung bestehen, die eine Person einer Sache oder einem Ereignis beimisst [4], zweitens aus einem übergeordneten Zweck, sodass Lebensinhalte auf die Erreichung von Zielen ausgerichtet werden [5] und drittens aus dem Empfinden einer stimmigen Verbundenheit mit sich selbst und der Umwelt, auch Kohärenz genannt [2], [6], [7], [8]. Sinnquellen sind individuell, vielfältig und dynamisch [5]. Viele Menschen empfinden beispielsweise sozialen Austausch, Spiritualität oder Naturerlebnisse sinnstiftend [5], [9]. Sinnerleben ist alltäglich, konkret erlebbar [10], [11], aber insgesamt ein eher unbewusster Prozess. Für eine bewusste Auseinandersetzung mit Sinnfragen bedarf es meist eines externen Auslösers, wie ein herausforderndes Ereignis oder Übergangssituationen in einen neuen Lebensabschnitt, sogenannte Transitionsphasen [5], [12]. Teilweise wird diese Auseinandersetzung als Sinnkrise wahrgenommen, welche als Sinnleere bei gleichzeitiger Sehnsucht nach Sinn definiert ist [5]. Das Auftreten von Sinnkrisen kann unabhängig von Sinnerleben erfolgen, sodass das Fehlen von Sinn nicht zwangsläufig in eine Sinnkrise mündet [13] sondern auch Ausdruck einer Indifferenz sein kann.
Darauf aufbauend entwickelten Schnell und Kolleg*innen ein System mit vier Typen [5], das durch die Gegenüberstellung von Sinnerleben und Sinnkrisen gekennzeichnet ist. Der „Typus der Sinnerfüllung“ beschrieb das alleinige Erleben von Sinn, während krisenhaftes Erleben bei Fehlen von Sinn als „Typus der Sinnkrise“ bezeichnet wurde. Als „widersprüchlicher Typus“ wurde das gleichzeitige Erleben von Sinn und Sinnkrisen definiert [5], [13]. Die Gruppe, die weder eine Sinnkrise noch ein Sinnerleben berichteten, wurde als „existenziell indifferent“ bezeichnet. Diesem Typus konnten verschiedene Merkmale zugeordnet werden, wie generell niedrige Kompetenzwerte, wenig Engagement oder wenig Interesse an Selbsterkenntnis [5].
Während die Bedeutung des Sinnerlebens im Privatleben schon länger bekannt ist [14], ist der Sinn im Berufsleben erst in den letzten Jahren in den Fokus der Forschung gerückt [15], [16]. Unter anderem wurden folgende berufliche Sinnquellen identifiziert: Einklang von persönlichen Werten mit Unternehmenswerten, die Möglichkeit zur autonomen Verantwortungsübernahme und Entscheidungsfindung, das Leisten eines gesellschaftlichen Beitrages und die persönliche Entwicklung im beruflichen Kontext [5], [17], [18], [19]. Ein hohes berufliches Sinnerleben korrelierte mit einer höheren Effizienz, einem höheren Arbeitsengagement und einer gesteigerten Motivation [5], [15], [20], [21], [22].
Aus der Sinnforschung gibt es bisher kaum Erkenntnisse über das Sinnerleben im Medizinstudium. Erste Ergebnisse im Rahmen der professionellen Identitätsbildung (PIF) deuten darauf hin, dass Sinnerleben in der medizinischen Ausbildung eine Rolle für das Wohlbefinden der Studierenden spielen, sowie die Bewältigung von Wertekonflikten beeinflussen kann [23], [24]. Weiterhin ist bekannt, dass gerade zu Beginn des Studiums die Motivation hoch ist [25], [26]. Sie wurde als ein wesentlicher Faktor für Lernerfolg [27] und akademischen Erfolg [26] identifiziert. Definitionsgemäß kann Motivation als ein Phänomen verstanden werden, das von der Selbstwahrnehmung und Wahrnehmung der Umgebung beeinflusst wird. Sie führt dazu, dass Individuen den Entschluss fassen, eine Aktivität zu starten, beizubehalten und daraus zu lernen [27]. Über die weitere Entwicklung während des Studienverlaufes gibt es widersprüchliche Erkenntnisse [28], [29]. Ob und wie Studienmotivation und Sinnerleben im Studium zusammenhängen, ist bisher nicht untersucht worden. In einer dieser Studie vorangegangenen, quantitativen Befragung wurden erstmals Einblicke in das Sinnerleben von Studierenden exploriert. Dabei zeigte sich, dass die meisten der Befragten sich bereits mit Sinnfragen bezüglich ihres Studiums und im Patient*innenkontakt auseinandergesetzt hatten. Das Sinnerleben wurde von Studierenden am Ende des Studiums niedriger eingeschätzt als von Studierenden in der Mitte des Studiums, wofür vor allem Kritik an Studien- und Rahmenbedingungen als Ursache benannt wurden [30]. Während das Thema Sinnerleben als gesundheitsrelevanter Faktor im neuen Nationalen Kompetenzbasierten Lernzielkatalog Medizin 2.0 als Lernziel formuliert wurde [https://nklm.de/zend/menu], ist nicht bekannt, inwieweit es in bestehenden Medizin-Curricula bereits adressiert wird.
Das Ziel dieser Studie war es, die tieferen Hintergründe von Sinnerleben bei Medizinstudierenden mittels einer qualitativen Studie zu untersuchen. Im Mittelpunkt standen die Fragen, welche Rolle Sinnerleben und Sinnkrisen spielen und welchen Einfluss Erfahrungen im Studium auf das Sinnerleben und die Motivation für das Studium und den späteren Beruf haben.
2. Methoden
2.1. Studiendesign und Setting
An zwei deutschen medizinischen Fakultäten wurde eine Interviewstudie mit Medizinstudierenden am Anfang und am Ende des klinischen Studienabschnitts durchgeführt. Dieses Vorgehen wurde einerseits gewählt, um möglichst heterogene Perspektiven zu erhalten und um zu berücksichtigen, dass sich Medizinstudiengänge durch die inhaltliche Ausrichtung, die Studienbedingungen und das Hidden Curriculum [31] unterscheiden können. Die medizinische Fakultät der privaten Universität Witten/Herdecke (UW/H) bietet einen Modellstudiengang für aktuell etwa 84 Studierende pro Semester mit frühzeitigem Patient*innenkontakt in der Vorklinik an. Die Fakultät der Technischen Universität München (TUM) bietet einen Regelstudiengang mit ca. 175 Studierenden pro Semester an.
2.2. Eingesetzte Instrumente
Für die Datenerhebung wurde vom Forschungsteam im Wintersemester 2021/22 ein Interviewleitfaden entwickelt. In mehreren Sitzungen wurden von FA (F. Albrecht), CK (C. Kiessling) und GL (G. Lutz) Fragen erarbeitet, um die Sichtweisen der Studierenden bezüglich der Forschungsfragen zu explorieren. Anschließend wurde der Leitfaden im Rahmen eines externen Audits mit GA (G. Atzeni), PM (P. Matcau) und PB (P. Berberat) diskutiert, konsentiert und anschließend pilotiert. Hierbei wurden beispielsweise persönliche sowie berufspolitische Hintergründe, wie Lehraufträge, reflektiert, um sicherzustellen, dass die Fragen offen und möglichst wertungsfrei formuliert wurden. Er enthielt 14 Fragen und ist im Anhang 1 [Anh. 1] angefügt. Im Interviewleitfaden wurden einerseits der Umgang mit eigenen Sinnfragen und das eigene Sinnerleben und andererseits der Umgang mit Sinnfragen von Patient*innen adressiert. Dieser Artikel konzentriert sich auf den Umgang mit eigenen Sinnfragen und -krisen. Zusätzlich wurden folgende personenbezogene Daten erhoben: Studienort (TUM, UW/H), Fachsemester, Geschlecht, Alter, bisherige Auseinandersetzung mit Sinnfragen.
2.3. Rekrutierung und Datenerhebung
Die Rekrutierung für die Interviewstudie erfolgte im Rahmen der bereits erwähnten quantitativen Umfrage. Alle Medizinstudierenden des 5., 6., 10. und 11. Semesters der UW/H und TUM wurden per E-Mail durch die jeweiligen Studiendekanate zusammen mit einer Information zur Studie im zweiwöchigen Takt zu Beginn des Sommersemesters 2022 dreimal unabhängig von Lehrveranstaltungen angeschrieben. Als Zielpopulation konnten insgesamt 940 Studierende an der Umfrage teilnehmen (700 TUM/ 240 UW/H). Zunächst wurden mit einer explorativen, quantitativen Querschnittsbefragung mit insgesamt 9 Fragen erste Kenntnisse auf dem Forschungsfeld gesammelt [30]. Von den 111 Teilnehmenden bekundeten 44 Studierende Interesse an einem zusätzlichen Interview. Davon wurden 20 Studierende so ausgewählt, dass eine möglichst heterogene Studienpopulation in Bezug auf Standort, Studienabschnitt, Geschlecht und Auseinandersetzung mit Sinnerleben erzielt werden konnte. Die Interviews wurden wahlweise telefonisch oder per ZOOM geführt und dauerten zwischen 46 und 103 Minuten (im Durchschnitt 75 Minuten).
2.4. Qualitative Auswertung
Die Interviews der Studierenden wurden aufgezeichnet und anschließend wörtlich transkribiert, während alle personenbezogenen Daten anonymisiert wurden. Im Anschluss wurden die Interviews anhand der qualitativen Inhaltsanalyse nach Kuckartz und Rädiker ausgewertet [32]. Die Interviewfragen lieferten ein erstes Grundgerüst an gliedernden, deduktiven Oberkategorien. In einem nachfolgenden Schritt wurden die ersten vier Interviews von FA, CK und GL gelesen und unabhängig voneinander induktiv kodiert.
Weiterführende Auswertungsideen, erste Hypothesen über Zusammenhänge der Kategorien wurden in Memos fortlaufend festgehalten und in der Analyse berücksichtigt. Um zentrale Aspekte herauszuarbeiten, wurden zusätzlich Fallzusammenfassungen erstellt. Die ersten Kodierungen schafften ein erstes Abstraktionsniveau.
Nach der Definition der ersten Oberkategorien und Kategorien wurde eine vorläufige Concept-Map erstellt, woraus ein erstes Kategoriensystem resultierte. Anschließend wurden die Kategorien und Concept-Map bezüglich interner Homogenität und externer Heterogenität mit GA, PM und PB im Sinne eines externen Audits diskutiert. Danach wurden die weiteren Interviews anhand des Kategoriensystems von FA kodiert. In einem anschließenden Durchlauf wurden bestehende Kategorien teilweise inhaltlich erweitert, um Details ergänzt und mit Definitionen versehen. Neu aufkommende Themen wurden in neuen Kategorien aufgenommen.
Nachdem alle Interviews kodiert waren, wurde die angepasste Concept-Map zunächst im Forschungsteam gemeinsam besprochen. Die Ausarbeitungen und vorläufigen Definitionen wurden anhand des Datenmaterials immer wieder diskutiert, bis ein Konsens erreicht war. Danach wurde dieses finale Kategoriensystem erneut auf alle Interviews angewandt. Ausgehend vom finalen Kategoriensystem der inhaltsanalytischen Entwicklung schloss sich die Bildung einer Typologie [32] an. Um die Beziehungen zwischen den Kategorien zu visualisieren und die wesentlichen Merkmale für die Typenbildung zu identifizieren, wurde eine Concept-Map der zentralen Kategorien erstellt. Diese diente als Grundlage für die Erarbeitung der Zusammenhänge zwischen Motivation, Sinnerleben und Sinnkrisen. Zunächst wurden Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Sinnerleben und in der Wahrnehmung von Sinnkrisen untersucht. Anhand der Fallzusammenfassungen wurden die Interviews nach verschiedenen dichotomen Merkmalen wie Ausprägung des Sinnerlebens (gering/hoch), Sinnkrisen (kaum vorhanden/ausgeprägt) und der Motivation (gering/hoch) sortiert und gruppiert. Ausgehend von diesen Gruppierungen wurde eine natürliche Typenbildung vorgenommen, bei der Ähnlichkeiten und Unterschiede in den Ausprägungen systematisch analysiert wurden. Abschließend wurden die Ergebnisse der Auswertung deskriptiv und visuell dargestellt.
In jeder Phase fand eine Reflexion von persönlichen, interpersonalen, methodischen und kontextbezogenen Faktoren statt, die die Analyse der Daten beeinflussen könnten [33]. Beispielweise wurden im Team eigene Sinnquellen und -krisen, unterschiedliche Präferenzen für die Ausgestaltung von Medizinstudiengängen und Zugehörigkeit zu einem der beiden Standorte, unterschiedliche disziplinäre Sinnverständnisse sowie biographische und intergenerative Perspektiven ausgetauscht. Bei der Erstellung des Manuskripts wurden die Standards für die Berichterstattung qualitativer Forschung (SRQR) herangezogen [34].
2.5. Ethikvotum
Ethische Bedenken konnten von der Ethikkommission der UW/H nicht festgestellt werden (Antrag Nr. S-51/2022). Die Ethikkommission der TUM schloss sich dem Votum an (2022-215-S).
3. Ergebnisse
3.1. Beschreibung der Studienpopulation
Insgesamt nahmen 20 Studierende an der Studie teil. Personenbezogene Kenndaten sind in Tabelle 1 [Tab. 1] beschrieben.
Tabelle 1: Detaillierte Zusammensetzung der Studienpopulation anhand soziodemografischer Daten
3.2. Ergebnisse der Datenanalyse
Der Ergebnisbericht ist nach den zentralen Kategorien und der abgeleiteten Typologie gegliedert. Kategorien und Unterkategorien sind in Überschriften bzw. im Fließtext kursiv gedruckt, Zitate sind illustrierend mit Anführungszeichen im Text enthalten; weitere Zitate sind in Tabelle 2 [Tab. 2] und Tabelle 3 [Tab. 3] angefügt.
Tabelle 2: Sinnquellen, Sinnerleben und deren Auswirkung auf die Motivation der Studierenden
Tabelle 3: Hemmende Faktoren des Sinnerlebens, Sinnkrisen und deren Auswirkung auf die Motivation der Studierenden
3.2.1. Worin erleben Studierende im Studium Sinn? – Sinnquellen
Angesprochen auf berufliches Sinnerleben, wurden fünf übergeordnete Sinnquellen berichtet, die zu einem sinnhaften Erleben beitragen konnten: So war es zum einen sinnstiftend, wenn sich Studierende im Rahmen der Ausbildung und ersten praktischen Tätigkeiten als Teil eines Teams, „mit dem ich gut arbeiten kann“ (#15), zugehörig fühlen und einen Beitrag im Team leisten konnten „sodass es am Schluss läuft“ (#20). Zum anderem wurde häufig ein Leistungs- und Entwicklungsstreben formuliert. Vor allem in der vorklinischen Phase standen der Wissenserwerb und das Erlangen eines tieferen Verständnisses für den menschlichen Körper im Vordergrund. Wenn auch nicht für alle, so kam mit zunehmendem Studienfortschritt die erfolgreiche Anwendung ärztlicher Fertigkeiten als Sinnquelle hinzu, wie beispielsweise Venenkatheter zu legen. So wurde beispielsweise „die Tätigkeit an sich […] und auch zu sehen, wie man besser wird in dieser Tätigkeit“ (#14), als sinnstiftend beschrieben. Wichtig war zudem eine Zunahme an Autonomie im Sinne von schrittweiser Verantwortungsübernahme und Einbindung in der Praxis durch die Übernahme eigener Aufgaben: „[…] so, wie an einer Sicherheitsleine“ (#2). Flache Hierarchien und die Möglichkeit, das Studium mitzugestalten trugen ebenfalls zu Sinnerleben bei. Zugleich war eine Kohärenz zwischen den eigenen Ansprüchen und Werten mit denen, die in der Patient*innenversorgung erlebt werden konnten, bedeutsam. Der fürsorgliche Beziehungsaspekt führte bei den meisten zu dem sinnstiftenden Gefühl, einen Beitrag für die Gesellschaft zu leisten: „einen Beitrag in den Leben von Anderen […], wo ich sagen kann, dass ich behilflich war oder nützlich gewesen bin“ (#14).
3.2.2. Wie wird Sinn erlebt?
Unter den Studierenden zeigte sich insgesamt ein gemischtes Bild, inwieweit das Studium zum Sinnerleben beiträgt. Im Gesamteindruck erlebte die Hälfte ihr Studium als sinnstiftend. Hohes Sinnerleben äußerte sich bei den Studierenden durch ein Gefühl der Zufriedenheit und des Ankommens im Moment. Die meisten schrieben dem Sinnerleben positive emotionale Erfahrungen wie Freude und Spaß, Dankbarkeit, Selbstbestätigung und Selbstwirksamkeit zu, sowie langfristig positive Auswirkungen auf die Motivation.
3.2.3. Worin werden hemmende Faktoren für Sinnerleben gesehen?
Die Darstellung von Einflüssen, die sich negativ auf das Sinnerleben auswirkten, wurden von uns als hemmende Faktoren des Sinnerlebens kategorisiert. In den meisten Fäll riefen sie eine bewusste Auseinandersetzung mit Sinnfragen hervor und konnten eine Sinnkrise auslösen, die durch ein krisenhaftes Erleben und durch eine bewusste Auseinandersetzung mit Sinnfragen definiert war. Vier Kategorien von hemmenden Faktoren ließen sich identifizieren: Einerseits konnten Transitionsphasen, wie die Entscheidung für ein Studium, zu einem negativen oder sogar krisenhaften Erleben führen, da diese häufig mit einer „Orientierungslosigkeit“ (#3) und „Zukunftsängsten“ (#3) einhergingen. Weiterhin waren Übergänge in neue Ausbildungsphasen von spezifischen Ungewissheiten geprägt. Beispielsweise funktionierten Lernstrategien nach dem Physikum aufgrund der höheren Stoffmenge nicht mehr.
Andererseits kam es durch Leistungsdruck und die Art des Lernens zu Sinnkrisen. Das „unheimlich hohe Arbeits- und Lernpensum“ (#6), „dieses stupide Auswendiglernen“ (#15) teils ohne erkennbaren Praxisbezug und der Prüfungsdruck wirkten sich negativ aus. Verstärkend wirkte ein zeitgleicher sozialer Druck den Ansprüchen des Umfeldes gerecht zu werden.
Negative praktische Lernerfahrungen, wie der primäre Einsatz für Blutentnahmen oder unterstützende Tätigkeiten im OP, wurden als Ausbeutung empfunden. Oftmals musste der Unterricht am Krankenbett aktiv erkämpft werden. Für Zweifel und Kritik der Studierenden war zum Teil kein Raum, oder sie wurden nicht ernst genommen.
Ebenso führte die Konfrontation mit professions- und systembezogenen Herausforderungen zu krisenhaften Erlebnissen. Für eine Reflexion des Rollenverständnisses oder einen ehrlichen Umgang mit hoher Arbeitsbelastung war im gesamten Verlauf der medizinischen Ausbildung selten Raum, wodurch sich die Studierenden allein gelassen fühlten. Der erlebte Personalmangel, häufige Frustrationen, völlige Erschöpfung und Demotivation bei den praktizierenden Ärzt*innen gingen mit Ängsten um das eigene Bestehen und die eigene Gesundheit im deutschen Gesundheitssystem einher. Hier war der Wunsch nach positiven Vorbildern zentral. Zudem wurden die eigenen Ideale einer patientenzentrierten Versorgung immer wieder durch ein als entmenschlichend erlebtes, auf Fallpauschalen ausgerichtetes System auf die Probe gestellt. Durch „die vollkommene Ökonomisierung des Systems“ (#6) entstünden ethische Dilemmata, da die Patient*innenversorgung oftmals „echt nur so eine Symptombehandlung“ (#12) sei.
3.2.4. Wie wirken sich Sinnkrisen aus?
Studierende gaben an, dass hemmende Faktoren des Sinnerlebens zu einem krisenhaften Erleben führten. In zwei Fällen wurden nachhaltige Zweifel an der Berufswahl angegeben. Das Erleben von Sinnkrisen war für viele unmittelbar demotivierend, frustrierend und geprägt von Überforderung und Hilflosigkeit.
3.2.5. Wie wurde die Motivation fürs Studium und den späteren Beruf beschrieben?
Während die anfängliche Motivation bei einigen durch erste praktische Erfahrungen litt, konnte sie bei diesen Studierenden durch die Entwicklung eines Zugehörigkeitsgefühls und die Identifikation mit einem Fachgebiet wieder ansteigen. Einige Studierende schienen kaum beeinflusst und waren überwiegend hoch motiviert. Hohe Motivation äußerte sich durch einen optimistischen Blick in die Zukunft, Freude an der Arbeit und vorhandene Bewältigungsstrategien für herausfordernde Situationen im Gesundheitswesen. Ein eher pessimistischer Blick auf den weiteren Berufsweg sowie die Schilderung zahlreicher Zweifel, die mit der Berufsausübung einhergehen würden, ohne darauf Antworten zu haben, charakterisierten eine Abnahme oder geringere Motivation.
3.2.6. Typenbildung
Durch die Gruppierung der Interviews nach Ähnlichkeiten in der Ausprägung des Sinnerlebens konnte ein Zusammenhang zwischen Motivation, Sinnerleben und -krisen herausgearbeitet werden. Je nach Ausmaß des Sinnerlebens und -krisen resultierten vier Typen, die sich auch in ihrer Motivation unterschieden: die Berufenen, die Jobber, die Suchenden und die Zweifelnden. Abbildung 1 [Abb. 1] zeigt eine visualisierte Darstellung. Tabelle 4 [Tab. 4] enthält exemplarische Zitate für die einzelnen Typen.
Abbildung 1: Illustrative Darstellung der Typenbildung mit den zentralen, studien-/berufsbezogenen Kategorien
Tabelle 4: Exemplarische Zitate der jeweiligen Typen
Die Berufenen schienen ein starkes Sinnerleben zu haben und ließen sich durch hemmende Faktoren des Sinnerlebens nicht ins Zweifeln bringen, sodass sie keine Sinnkrisen erlebten. Daraus resultierte offenbar eine langfristige und hohe Motivation. Im Fokus der Jobber standen das Erbringen guter Leistungen. Hemmende Faktoren wurden teilweise wahrgenommen, führten aber nicht zu einem krisenhaften Erleben. Vielmehr wurde der Job dem persönlichen Sinnkonstrukt untergeordnet im Sinne einer ausgeglichenen Work-Life-Balance. Sinnfragen spielten insgesamt eine untergeordnete Rolle. Dem Berufseinstieg wurde positiv entgegengesehen. Während bei den Suchenden für Teile des Studiums ein hohes Sinnerleben vorhanden war, kam es gleichzeitig zu Sinnkrisen. Dieser scheinbare innere Konflikt schien die Befragten dieses Typus so sehr zu beschäftigen, dass ihre Motivation weiterzumachen darunter litt. Die Suchenden waren im Vergleich zu den anderen Typen jünger und hatten sich, wie die Jobber, nur unregelmäßig mit Sinnfragen auseinandergesetzt. Ein Sinnerleben bei den Zweifelnden war hingegen nur gering erfahrbar, da es von Sinnkrisen überschattet war. Die Studienmotivation war darunter wenig ausgeprägt. Im Standortvergleich waren tendenziell an der TUM mehr Jobber (5 TUM, 3 UW/H), während an der UW/H die beiden Zweifelnden waren. Die Zuordnung der Studierenden zu einem Sinntypus kann sich durch Veränderungen im Sinnerleben verändern und ist als dynamischer Prozess zu verstehen.
4. Diskussion
Ziel der Studie war es, erstmals die Einschätzung von Studierenden und Zusammenhänge von Motivation, Sinnerleben und -krisen im Kontext des Medizinstudiums mittels qualitativer Interviews zu untersuchen.
Als sinnstiftende Quellen konnten fünf übergeordnete Bereiche identifiziert werden: Zugehörigkeit & Teamarbeit, Leistung & Entwicklungsstreben, Autonomie, Kohärenz und gesellschaftliche Relevanz, die sich in ähnlicher Form in der Literatur finden [5], [17], [18], [19]. Mit hemmenden Faktoren des Sinnerlebens, wie den Transitionsphasen, Leistungsdruck, negativen Lernerfahrungen und professions- oder systembezogene Herausforderungen, konnten wir spezifische Faktoren identifizieren. Diese könnten einen Erklärungsansatz dafür liefern, warum so viele Menschen, die im Gesundheitssystem arbeiten, frustriert sind, Arbeitszeit reduzieren oder sogar aussteigen wollen [35], [36]. Die Motivation unterlag den Berichten der Studierenden zu Folge Veränderungen sowohl in die positive als auch in die negative Richtung.
Insgesamt konnten wir einen Zusammenhang zwischen Sinnerleben, -krisen und Motivation herausarbeiten, welcher bereits sowohl im allgemeinen [20], [21], [22], [37], als auch im beruflichen Kontext beschrieben wurde [15], [36], [38]. Sinnerleben schien sich positiv auf die Studienmotivation auszuwirken, hemmende Faktoren dagegen negativ. Anders als bisher angenommen legen unsere Analysen nahe, dass Sinnkrisen einen stärkeren Einfluss auf die unmittelbare Motivation haben könnten [5]. Dies wurde deutlich, da bei geringem Sinnerleben, wie bei den Jobbern und Zweifelnden, hemmende Faktoren die Motivation und die Berufswahl unmittelbar beeinträchtigen konnten. Positives Sinnerleben schien sich eher langfristig auszuwirken und sollte als Schutzfaktor diskutiert werden. Den Berichten der Studierenden zufolge trugen sinnstiftende Momente teilweise über Monate hinweg zur Motivation bei und halfen über Sinnkrisen und Phasen von Zweifeln hinweg. Da es sich bei unseren Ergebnissen um Momentaufnahmen handelt, wäre es wichtig, die mittelfristigen und langfristigen Folgen von mangelndem Sinnerleben bzw. Sinnkrisen im Langzeitverlauf weiter zu untersuchen.
Hinsichtlich der von uns entwickelten Typenbildung konnten wir Parallelen, sowie Unterschiede, zu den Sinntypen von Schnell und Kolleg*innen [5], [39] finden. Dies könnte daran liegen, dass unser Fokus auf einem spezifischen studentischen Kontext lag, weshalb wir für diesen Kontext andere Bezeichnungen vorschlagen. Neu und anders ist in unserem Kontext auch die Integration der Motivation in die Typenbildung, welche inhaltlich vor allem bei den Suchenden und Jobbern einen Mehrwert bietet. Während bei den Berufenen oder Zweifelnden der in der Literatur beschriebene eindeutige Zusammenhang zwischen hohem/niedrigem Sinnerleben und entsprechend hoher/niedriger Motivation [15] gegeben war, ist dies bei den anderen beiden Typen anders:
Bei den Suchenden schien es zu einem inneren Konflikt durch das gleichzeitige Auftreten von Sinnerleben und Sinnkrisen zu kommen. Darunter beschrieben die Studierenden eine sinkende Motivation für das Studium. Schnell et al. nennen das gleichzeitige Auftreten von Sinnerleben und Sinnkrisen, den „widersprüchlichen Typ“ [5], bringen dies aber nicht in Verbindung mit motivationalen Faktoren und bezeichnen das Vorliegen zweier gegensätzlicher Erfahrungen als „unplausibel“ ([35], S.7). In einer weiteren Untersuchung konnten Schnell und Kolleg*innen zeigen, dass Sinnerleben und Sinnkrisen durchaus unabhängig voneinander sind [13]. Unsere Arbeit unterstreicht dies und lässt die Annahme zu, dass ein gleichzeitiges Auftreten nicht widersprüchlich ist, sondern vielmehr eine Suche nach Kongruenz und Auflösung des vermutlich vorherrschenden Konflikts ist. So beschrieben die suchenden Studierenden, dass aus der Suche eine Resignation mit dauerhaften Zweifeln resultierte, wenn sie aufgrund vielfältiger hemmender Faktoren das sinnstiftende Potenzial ihres Berufswunsches aus den Augen verloren hatten. Die Zuordnung der Studierenden zu einem Sinntypus ist generell durch die dynamische Entwicklung des Sinnerlebens im Verlauf des Lebens nur punktuell möglich [5].
Inwieweit der von uns definierte Typus des Jobbers dem Typus der existentiellen Indifferenz entspricht, bleibt zu diskutieren. Schnell et al. sprechen dem Typus der existenziellen Indifferenz ein vermeidendes Verhalten zu, um Angstzuständen und unangenehmen Situationen aus dem Weg zu gehen [5]. Ähnliche Distanzierungsmechanismen konnten bereits beim Rückgang der Empathie und der Entwicklung von Zynismus und Burnout angehender Mediziner*innen beobachtet werden [40], [41], [42]. Die unregelmäßige Auseinandersetzung der Jobber mit Sinnfragen bei gleichzeitig hoher Motivation wirft die Frage auf, ob die Auseinandersetzung mit Sinnerleben und Sinnkrisen womöglich gezielt vermieden wird, da sie zu nachhaltigen Zweifeln und womöglich zu Studienabbrüchen führen könnten. Hinweise für diese Annahme konnten bereits in einer vorangegangenen Studie gefunden werden [30]. Die Vermeidung von Sinnfragen als Schutz vor unangenehmen Auseinandersetzungen, beispielsweise mit der eigenen Rolle im Gesundheitssystem, sollte in weiterführenden Studien berücksichtigt werden. Bei den Jobbern schien der Sinn primär im privaten Bereich gesucht zu werden, was erklären könnte, warum es in Konstrukten wie der Work-Life-Balance eine Verschiebung der Prioritäten hin zu mehr Privatleben zu geben scheint [43]. Da die Studierenden dieser Gruppe im Moment der Studiendurchführung von hoher Motivation geprägt waren, scheint es aktuell keinen Anlass zur Sorge zu geben. Es bleibt jedoch fraglich, ob die vermeintliche Vermeidung von Themen, die den Sinn des Studiums betreffen, langfristig die Motivation und Perspektive der angehenden Mediziner*innen aufrechterhalten kann. Hierbei wird weitere Forschung nötig sein, um herauszufinden, ob die Motivation im weiteren longitudinalen Verlauf stabil auf einem hohen Niveau bleibt.
In unserer Kohorte waren die jüngeren Studierenden, teils mit einem inneren Konflikt einhergehend, auf der Suche nach dem Sinn in ihrem Studium, unabhängig davon, wie weit sie in ihrem Studium fortgeschritten waren. Die älteren Studierenden hatten scheinbar entweder ihre Berufung gefunden, zweifelten an ihrer Berufswahl oder hatten den Beruf ihrem individuellen Sinnkonstrukt untergeordnet (vgl. Jobber). Dies deutet darauf hin, dass das berufliche Sinnerleben altersabhängig in das Gesamtkonstrukt ‚Sinn im eigenen Leben‘ eingeordnet wird. Gerade zu Beginn des Studiums und generell die jüngeren Studierenden könnten auf diesem Weg durch Lehrangebote unterstützt werden, die darauf abzielen, individuelle Sinnquellen zu identifizieren. Auch die Jobber könnten langfristig davon profitieren, wenn das Sinnerleben gesteigert werden könnte. Bei den Suchenden und Zweifelnden scheint vor allem eine Unterstützung bei der Auseinandersetzung mit den hemmenden Faktoren sinnvoll zu sein, um aktiv die Bewältigung von Sinnkrisen zu begleiten. Inwiefern unsere vorgeschlagene Typenbildung hilfreiche Ansätze für Lehrkonzepte bietet, sollte in weiteren Arbeiten aufgegriffen werden. Mit den vorliegenden Daten wird bereits deutlich, dass es nicht eine allgemein gültige Lösung für alle Studierenden geben wird. Die vorliegenden Einblicke in das Sinnerleben der Studierenden sind unserer Auffassung nach vielversprechend und sollten in weiteren Arbeiten weiterverfolgt werden.
4.1. Limitationen
Aufgrund der freiwilligen Studienteilnahme könnte ein Selektionsbias vorliegen, da nicht ausgeschlossen werden kann, dass sich überproportional Studierende beteiligt haben, die Sinnerleben und -krisen als bedeutungsvoll einschätzen. Zwar wurde bei der Auswahl die Selbsteinschätzung, wie häufig das Thema präsent sei, berücksichtigt, letztlich ist diese subjektive Einschätzung aber nur schwer zu objektivieren. Weiterhin ist die Stichprobengröße relativ klein, sodass eine Verallgemeinerung auf weitere Studierendenkohorten, trotz der Berücksichtigung zweier Standorte mit einem Modelstudiengang und einem Regelstudiengang, eingeschränkt ist. Trotz des Altersunterschiedes der Standortkohorten konnten keine Unterschiede im Sinnerleben festgestellt werden. Die Erhebung von Querschnittsdaten erlaubt nur eingeschränkte Aussagen über einen Verlauf in der klinischen Phase. Da bisher nur wenige Erkenntnisse zu Sinnfragen bei Medizinstudierenden vorliegen, wären weitere Untersuchungen an anderen Standorten und im Rahmen von Längsschnittstudien wünschenswert, um unsere Ergebnisse zu validieren und gezielte Interventionen ableiten zu können.
5. Schlussfolgerung
Unsere Studie eröffnet die Perspektive, dass positives Sinnerleben und die bewusste Auseinandersetzung mit den beruflichen Sinnquellen einen länger anhaltenden motivierenden Einfluss auf die Studierenden haben können. Hemmende Faktoren des Sinnerlebens hatten laut Aussagen der Studierenden unmittelbar negative Auswirkungen auf die Studienmotivation und die Erwartungen bezüglich des Berufseinstieges. Die vorliegenden Ergebnisse legen nahe, dass die Adressierung von Sinnerleben sowie die Stärkung von Sinnquellen im Studium und Beruf als Schutzfaktor bei Sinnkrisen dienen und die Motivation der angehenden Ärzt*innen langfristig fördern könnten. Es bietet sich an, die hemmenden Faktoren der jungen Generation zu nutzen, um die kritischen Aspekte in der Ausbildung und im Gesundheitswesen systematisch zu explorieren und bestehende Strukturen zu verbessern. Die Typenbildung ist ein erster Schritt, um die Bedürfnisse der Studierenden bei Sinnfragen und im Prozess der Identitätsbildung zu identifizieren, um diese im Verlauf zu adressieren.
Danksagung
Wir bedanken uns aufrichtig bei allen Studierenden, die an der umfangreichen Studie teilgenommen haben und ihre persönlichen Gedanken und Gefühle hinsichtlich des Sinnerlebens teilten. Außerdem möchten wir uns bei den Studiendekanaten bedanken, welche die Versendung der Rekrutierungs-E-Mails vorgenommen haben.
ORCIDs der Autor*innen
- Felix Albrecht: [0000-0001-9927-7090]
- Claudia Kiessling: [0000-0003-4104-4854]
- Gina Atzeni: [0009-0002-9227-3980]
- Pascal Berberat: [0000-0001-5022-5265]
- Paula Matcau: [0009-0007-4119-6328]
- Gabriele Lutz: [0000-0001-5044-8485]
Interessenkonflikt
Die Autor*innen erklären, dass sie keinen Interessenkonflikt im Zusammenhang mit diesem Artikel haben.
Literatur
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Anhänge
| Anhang 1 | Interviewleitfaden (Anhang_1.pdf, application/pdf, 314.15 KBytes) |



