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GMS Journal for Medical Education

Gesellschaft für Medizinische Ausbildung (GMA)

ISSN 2366-5017


Dies ist die deutsche Version des Artikels. Die englische Version finden Sie hier.
Projektbericht
Ärztliche Rollen

[Die ärztliche(n) Rolle(n): Konzeptionelle Umgestaltung und Implementierung der Vorlesungsreihe „Einführung in die klinische Medizin“ zur Professionellen Identitätsförderung anhand der ärztlichen Rollen des CanMEDS-Modells]

 Moritz Schumm 1
Sandra Apondo 1
Antonius Schneider 2
Pascal O. Berberat 1

1 TUM Medical Education Center, Department Clinical Medicine, TUM School of Medicine and Health, Technische Universität München, München, Deutschland
2 Institut für Allgemeinmedizin und Versorgungsforschung, Department Clinical Medicine, TUM School of Medicine and Health, Technische Universität München, München, Bayern, Deutschland

Zusammenfassung

Zielsetzung: Ursprünglich für die ärztliche Weiterbildung entworfen, bietet das CanMEDS-Modell des Royal College of Physicians and Surgeons of Canada und seine Rollenprofile einen idealen Lehrinhalt, um auch Studierende zur Auseinandersetzung mit ihrem ärztlichen Werden sowie mit den institutionellen und gesellschaftlichen Erwartungen an sie anzuregen. Die Rollen des CanMEDS in die Lehre einzubeziehen kann entsprechend als ein Element der professionellen Identitätsentwicklung und -förderung (Professional Identity Formation) fungieren. Der Artikel stellt exemplarisch ein Vorlesungsprojekt des TUM Medical Education Center vor, anhand dessen das CanMEDS-Modell in der aktuell gültigen Version von 2015 in die Lehre integriert wurde.

Methodik: Vorgestellt wird die für das Wintersemester 2022/23 neu ausgerichtete und seitdem sukzessive umgestaltete Vorlesungsreihe „Einführung in die klinische Medizin“. Präsentiert werden die allgemeine Struktur und inhaltliche Ausrichtung der Reihe entlang der Rollen des CanMEDS. Insbesondere wird auf die angewandten Lehrmethoden (impulsbasierte Lehre, Podiumsdiskussion, Fotografiewettbewerb) der Lehrveranstaltung eingegangen.

Ergebnisse: Nach aktuell zweimaliger Durchführung lassen die Evaluationen, die sich aus den direkten Bewertungen durch die Studierenden sowie Freitextkommentaren zusammenfügen, ein sehr positives Résumé ziehen, das auch erste Schlaglichter auf die Inhalte und Methoden erlaubt (Interaktivität, Reflexionsangebot und zeitlicher Rahmen).

Schlussfolgerungen: Die positiven Rückmeldungen über die bisherigen Umstellungen ermutigen zu weiteren Anpassungen. Geplant ist v. a., die angewandten Methoden auf breiterer Basis in Vorlesungen zu etablieren, die Elemente zur professionellen Identitätsentwicklung beinhalten.


Schlüsselwörter

CanMEDS, Professional Identity Formation, Professionalismus, Vorlesung, Medizindidaktik

1. Einleitung

Die Mission des ursprünglich für die ärztliche Weiterbildung entworfenen CanMEDS-Modells des Royal College of Physicians and Surgeons of Canada in der aktuell noch gültigen Fassung von 2015 lautet: „[T]o articulate a comprehensive definition of the abilities needed for all domains of medical practice and thus provide a strong foundation for medical education.“ [1]. Seine inhaltlichen Revisionen seit den Anfängen in den 1990er Jahren folgen zudem dem Anspruch, in einer sich rapide wandelnden Welt angehende Ärztinnen und Ärzte stets optimal auf die gegenwärtigen klinischen Realitäten sowie deren Herausforderungen und Chancen vorzubereiten [1], [2]. Hierzu folgt das Modell seiner bewährten Methode: Basierend auf einem kompetenzbasierten Verständnis der ärztlichen Tätigkeit(en) wird ein Katalog von Kompetenzen und Teilkompetenzen entwickelt, der die Fähigkeiten zu Einheiten zusammenführt und als unterschiedliche Rollen vorstellt, aus denen sich das ärztliche Berufsbild zusammensetzt. Das „CanMEDS cloverleaf“ [2] ist hierfür der wohl bekannteste Ausdruck.

Obwohl CanMEDS für die ärztliche Weiterbildung konzipiert wurde, kann dieses Modell im Zusammenhang mit Debatten um eine medizindidaktisch begleitete professionelle Identitätsentwicklung [3], [4], [5] auch für Medizinstudierende von besonderer Bedeutung sein. Gibt es doch nicht nur einen Einblick in die medizinischen Fähigkeiten, die Ärzt*innen beherrschen sollen, sondern v. a. auch in die gesellschaftliche Erwartungshaltung und die verschiedenen Rollen, die das ärztliche Berufsbild prägen. Als solches bildet das CanMEDS-Modell auch eine der Grundlagen der „Ärztlichen Kompetenzrollen“ des Nationalen Kompetenz-Basierten Lernzielkatalogs Medizin (NKLM 2.0) (siehe hierzu: [https://nklm.de/zend/objective/list/orderBy/@objectivePosition/modul/200553/obsolete/no], zuletzt aufgesucht am 28.05.2024). Für Medizinstudierende böte das CanMEDS-Rollenprofil als Reflexionsgegenstand entsprechend das Potenzial einer wichtigen Unterstützung bei der Entwicklung der eigenen ärztlichen Identität: Es kann kompetenzbasierte, soziale sowie individuelle Aspekte des ärztlichen Berufsfelds zusammenführen, um sie einer kritischen Bestandsaufnahme unterziehen zu können und antizipier- und diskutierbar zu machen. Medizinstudierende können die eigene mit der institutionellen und gesellschaftlichen Erwartungshaltung an das ärztliche Berufsbild abgleichen und darin eine klarere Vorstellung von der eigenen ärztlichen Rolle, ihren Herausforderungen sowie Gestaltungsmöglichkeiten entwickeln.

Dem steht bisher entgegen, dass das CanMEDS-Modell bei Medizinstudierenden weitestgehend unbekannt ist. Am TUM Medical Education Center wurde deswegen ein Vorlesungskonzept entwickelt, das die CanMEDS-Rollen selbst zentral als Strukturmerkmal und Vermittlungsgegenstand setzt. Der vorliegende Artikel stellt im Folgenden vor, wie das CanMEDS-Modell hier zu direkter Anwendung im Unterricht gebracht wird. Gezeigt werden die allgemeine Struktur, inhaltliche Ausrichtung sowie die Methoden, mit denen die Rollen des CanMEDS den Studierenden vorgestellt werden. Ein Blick auf die bisherigen Evaluationen sowie ein Ausblick auf die Weiterentwicklung bilden das Fazit und den Abschluss.

2. Eine Vorlesungsreihe zu den ärztlichen Rollen des CanMEDS-Modells

2.1. Allgemeine Struktur

Um das CanMEDS-Modell im Unterricht abzubilden, wurde die Vorlesungsreihe „Einführung in die klinische Medizin“ für das Wintersemester (WS) 2022/23 neu ausgerichtet, die als Teil der so genannten Interdisziplinären Vorlesung 1 (IVL-1) mit insgesamt elf Terminen für das dritte Studienjahr gehalten wird. Während die 52 Unterrichtseinheiten umfassende IVL-1 der interdisziplinären Vermittlung pathophysiologischer Grundlagen verpflichtet ist, war es das originäre Ziel der „Einführung in die klinische Medizin“, Studierenden zu Beginn des klinischen Studienabschnitts einen Einblick in die querschnittlichen bzw. übergreifenden Themen des klinischen Handelns zu geben. Eine direkte Bezugnahme zum vorklinischen Praktikum Einführung in die klinische Medizin (mit Patientenvorstellung) besteht nicht. Die hierdurch bereits gegebene inhaltliche Diversität der Vorlesungsreihe bot die Grundlage, um neben der klinischen Repräsentation auch eine Darstellung ärztlicher Rollenprofile und -anforderungen zu realisieren. Das CanMEDS-Modell in seiner Ausarbeitung von 2015 [1] bildet hierzu die Grundlage, wobei schon jetzt der Blick auf antizipierte Umstellungen und Erweiterungen durch die für 2025 geplante Überarbeitung miteinbezogen werden. „Planetary Health“ [6] und ein stärkerer Fokus auf „Physician Humanism“ [7] als mögliche neue Schwerpunkte bieten hierfür bereits sehr gute Anknüpfungspunkte.

Bei der Umsetzung eines solchen Vorhabens war wichtig, eine sukzessive und möglichst fließende Umarbeitung der Vorlesungsreihe zu gewährleisten, um das etablierte Zusammenspiel der ca. 20 beteiligten Dozierenden möglichst stabil zu halten. Die Neugestaltung versteht sich in diesem Sinne noch als laufende Arbeit. Mit dem Abschluss der zweiten Durchführung im WS 2023/24 ist aber bereits jetzt ein produktiver Blick auf die allgemeine Konzeption und konkrete Umsetzung möglich. Tabelle 1 [Tab. 1] zeigt, wie die überarbeitete Vorlesungsreihe die unterschiedlichen Rollenprofile des CanMEDS-Modells adaptiert und welche Kompetenzen des Modells hierzu als Lernziele in Anschlag gebracht wurden.

Tabelle 1: Thematischer Ablaufplan für die Vorlesungsreihe „Einführung in die klinische Medizin“ entlang den Rollenvorgaben des CanMEDS-Modells 2015 [1]

Mit Blick auf diese Konzeption gilt es, einige Punkte und einige Vorlesungstermine gesondert hervorzuheben: Während doppelte Rollennennungen der möglichst breiten Abdeckung der damit verbundenen Kompetenzen zuzuschreiben sind, versteht sich die allererste Veranstaltung als eine Ergänzung zum „Gelehrten“-Rollenverständnis. Denn in den Blick genommen werden hier die Studierenden selbst als Adressaten des CanMEDS-Modells. Demgegenüber widmet sich der letzte Termin der durch das CanMEDS-Modell explizit als Schnittmenge aller Rollen zentral gesetzten Figur: der/dem „Medizinische*n Expert*in“. Die von diesen beiden Terminen eingerahmten neun Vorlesungen wurden auf unterschiedliche Weise an das CanMEDS-Modell herangeführt: Manche, bereits gesetzte Themen konnten ohne große Änderungen in das neue Leitmotiv übernommen werden. Dies gilt v.a. für die Themen „Ärztliche Kommunikation“ und „Ärzt*in als Gesundheitsberater*in“, die so bereits unterrichtet und mit den Rollen der/des „Kommunikator*in“ und „Gesundheitsberater*in und Gesundheitsfürsprecher*in“ zusammengeführt wurden. Andere Veranstaltungsthemen wurden bisher weitestgehend belassen, aber mit einer CanMEDS-Rolle verbunden. So etwa das Thema „Ärztliche Wissenschaftlichkeit“ auf die Rolle der/des „Gelehrten“ oder die „Praktische Ethik“ auf zentrale Aspekte der Rolle der/des „Professionell Handelnden“.

Auf diese Weise werden alle Blütenblätter des CanMEDS-Modells strukturell wie inhaltlich abgebildet. Dennoch sind weitere Umgestaltungen in Planung. Diese betreffen aber nicht die Grundkonzeption, sondern eine sukzessive methodische Neuausrichtung. Gefolgt wird dabei der Überzeugung, dass bei Lehrinhalten, die sich um Fragen der Haltung und persönlichen Einstellung drehen, eine Unterrichtsform ex cathedra wie beim Frontalunterricht von nur eingeschränkter Wirkung sein kann. Stattdessen gilt es, Unterrichtsformen anzuwenden, die auf eine besondere Einbeziehung der Studierenden setzen [8]. So soll sichergestellt werden, dass die Lehrinhalte nicht nur als externe Phänomene wahrgenommen, sondern von den Studierenden selbst jeweils durchdrungen und hinterfragt werden. Ebenfalls relevant war, eine Attraktivitätssteigerung der Veranstaltungen zu erreichen und durch den Einsatz innovativer Formate noch einmal einen Anreiz für die aktive Teilnahme an den Vorlesungen zu setzen. Ein didaktisches Grundelement war dabei die Aufforderung an alle Dozierenden, alle Themen mit einem explizit persönlichen Zugang zu vermitteln, und dabei auch in den interaktiven Phasen die persönliche Haltung der Studierenden anzusprechen. Damit sollen neben den vielen objektiven Fakten im Studium in dieser Veranstaltung auch die subjektiven Standpunkte zu zentralen Themen des klinischen Handelns Raum bekommen. Durch Moderation der ganzen Vorlesungsreihe durch die Lehrstühle für Allgemeinmedizin und Medizindidaktik wird diesbezüglich Kontinuität und eine einheitliche Stimmung erreicht. Weiterhin werden ganz neue methodische Ansätze angewandt, wobei drei bereits etablierte an dieser Stelle genauer vorgestellt werden sollen.

2.2. Lehrmethoden zur Vermittlung der ärztlichen Rollen

2.2.1. Impulsbasierte Lehreinheiten (Narrative Medicine)

Die Arbeit mit Impulsen ist – wenn auch methodisch eigenständige Wege gehend – als didaktisches Verfahren den Lehransätzen der Narrativen Medizin entlehnt [9], [10]. Ziel ist es, anhand eines kurzen Impulses aus den Bereichen der Kulturgeschichte ein Thema auf eine zunächst nicht-medizinische Weise vorzustellen und zu analysieren. Die daraus erwachsenden Resultate generieren einen Perspektivwechsel, der sich anschließend wieder auf die Medizin übertragen und anwenden lässt. Inszeniert wird hierdurch eine reflexive Bewegung, die sich auch als „eine Art Skills Lab verstehen (lassen kann), in dem experimentiert, spekuliert, probiert und geübt werden kann.“ [11].

Als Beispiel kann der erste Vorlesungstermin dienen, der sich der „Gelehrten“-Rolle mit Blick auf die Lebenswelt der Studierenden widmet. Wie bereits weiter oben geschrieben, handelt es sich hierbei um einen Schritt über den Kanon des CanMEDS-Modells hinaus, der die doppelte Bedeutung von „scholar“ sowohl als „Gelehrte*r“ als auch als Schüler*in nutzt, um die studentische Perspektive selbst miteinzubeziehen. Wichtig ist dabei, dass die meisten Teilnehmenden der Vorlesung zu diesem Zeitpunkt gerade den klinischen Abschnitt ihres Studiums beginnen. Vor diesem Hintergrund wird den Studierenden ein Ausschnitt des Kurzfilms „Hopptornet“ (Axel Danielson, Maximilien van Aertryck, S 2016) vorgespielt, der in dokumentarischem Duktus Menschen und ihr Verhalten auf einem Zehnmetersprungturm zeigt: Manche blicken sorgenvoll in die Tiefe, andere sammeln ihren Mut. Manche sind fokussiert, andere lenken sich ab oder wirken hin- und hergerissen. Manche steigen die Leiter wieder hinunter, andere wagen den Sprung.

Die Aufnahmen sorgen für einiges Gelächter bei der Sichtung, was sich der affektiven Rahmung der dargestellten Situation verdankt. Zumindest legen dies die Antworten auf die ersten beiden Fragen an die Studierenden nahe: Wer denn selbst schon einmal auf dem Zehnmeterturm gestanden habe und wie sie oder er sich dabei gefühlt habe? Im Ergebnis, das durch einfaches Fragen in das Auditorium eingeholt wird, ist eine weitreichende Vertrautheit mit der Situation zu konstatieren, bei der die eigene Erinnerung an die durchlebte Erfahrung den Filmbildern ihre emotionale Bedeutung verleiht. Aber nicht nur die Reminiszenz soll hier eine Rolle spielen, sondern gerade ihre Verbindung zur Gegenwart und dem Beginn des neuen Studienabschnitts. Dafür sorgen zwei weitere Fragen an die Studierenden. Anstelle des direkten Dialogs sind die Studierenden dieses Mal aber dazu aufgerufen, ihre Antworten via Online-Umfrage zu teilen, deren Ergebnis direkt über die Beamer-Präsentation sichtbar gemacht wird. Die Fragen lauten: „Mit welchen Sorgen geht ihr in den klinischen Abschnitt?“ und: „Warum wagt ihr trotzdem den Sprung ins kalte Wasser?“ Die so durchgeführte Lehreinheit liefert im Ergebnis ein breites Spektrum an positiven wie negativen Assoziationen (siehe Abbildung 1 [Abb. 1]). Sie bietet den Studierenden aber vor allem die Gelegenheit zu einer, durch den Impuls auf spielerische Weise eingeleiteten, Reflexion der eigenen, aktuellen Situation samt einer damit verknüpften, persönlichen Zukunftsperspektive.

Abbildung 1: Antworten auf die Fragen der ersten, impulsbasierten Unterrichtseinheit der Vorlesungsreihe „Einführung in die klinische Medizin“ (Wintersemester 2023/24)

2.2.2. Podiumsdiskussion mit studentischer Beteiligung

Ein zweites, zentrales Format der Vorlesungsumgestaltung, das hier exemplarisch vorgestellt werden soll, bildet die Implementierung von Podiumsdiskussionen, um die Themen nicht abstrakt zu behandeln, sondern den direkten Brückenschlag in die Praxis zu wagen. Hierzu werden Vertreter*innen aus unterschiedlichen Bereichen des Klinikums eingeladen, um, angeleitet durch einige wenige Fragen der Moderation, in Dialog miteinander zu treten. Zusätzlich soll auch den Studierenden die Möglichkeit zur Partizipation gegeben werden. Dies geschieht durch ein für das Publikum offenes Q&A, mit dem das letzte Drittel der Lehreinheit bestritten wird.

Das Format kommt in dieser Form aktuell zwei Mal zum Einsatz. So auch beim Thema „Ärzt*in als Mitglied eines Teams“, bei dem vier Vertreter*innen aus dem Klinikum ein interprofessionelles Podium bilden: Zwei Ärzt*innen unterschiedlicher Fachdisziplinen, die Leitung der Pflegewissenschaft des TUM Universitätsklinikums sowie eine Vertretung aus der Stationsleitung. Nach einer Vorstellung der Gäste richtet sich die Moderation an die einzelnen Diskutant*innen, um Fragen nach der Zusammenarbeit, deren Stellenwert im Klinikum sowie Beispiele für ungeeignete und bewährte Praktiken zu erörtern. Der Gesprächsverlauf und seine konkreten Inhalte sind dabei abhängig von der gegebenen Diskusssionsdynamik, entwickeln sich aber um zentrale Aspekte der effizienten Interaktion, des wechselseitigen Verständnisses und der Integration der beteiligten Expertisen, wie sie sich auch im CanMEDS-Modell unter den „Mitglied eines Teams“-Kompetenzen 1.1-1.3 sowie 2.1 und 2.2 wiederfinden lassen [1].

An dem hierbei entstehenden Dialog zu diesen Aspekten sind im letzten Drittel schließlich auch die Studierenden mit ihren eigenen Perspektiven beteiligt. Die offene Gestaltung der Lehreinheit zusammen mit dem Einbezug der Studierenden qua Wortmeldung versteht sich dabei als ein besonderer Anreiz, an der Veranstaltung direkt teilzunehmen. Denn die Teilnahme am Dialog ist nur in der tatsächlichen Präsenz möglich und verliert diesen Mehrwert in der Form einer Vorlesungsaufzeichnung. (Die Option, sich online zuzuschalten wurde für den Vorlesungsabschnitt nicht angeboten.)

2.2.3. Fotowettbewerb

Als ein Sonderformat, das die gesamte Vorlesungsreihe umspannt, wurde ein Fotowettbewerb etabliert. Beim ersten Vorlesungstermin wird die Aufgabe den Studierenden vorgestellt: Bis kurz vor Ende der Vorlesungsreihe sollen sie – allein oder in Teams von maximal fünf Personen – sich im wahrsten Sinne des Wortes ein Bild der ärztlichen Rolle machen und dieses als Fotografie einreichen. Dieser Wettbewerb stellt den Leistungsnachweis für die Lehrveranstaltung dar. Da es in der gesamten Reihe um Themen geht, die eine persönliche und damit auch immer subjektive Einstellung und Haltung adressieren, soll auch das Format des Fotowettbewerbs der individuellen Wahrnehmung durch kreative Bearbeitung (einen bleibenden) Ausdruck verleihen. Zugleich wurde der Begriff des Wettbewerbs ernst genommen: Eine Jury aus Mitarbeitenden der Vorlesung sowie des TUM Medical Education Center wählte drei Gewinnerfotografien und einen erweiterten Kreis an besonders gelungenen Werken.

Vorgestellt wird die Jury-Auswahl zum letzten Vorlesungstermin, mit dem Titel „Ärzt*in werden – Ärzt*in sein: Ein Fazit“. Die Bilder wurden dazu vorab von den Dozierenden der Abschlussvorlesung sortiert und in einer Präsentation den Rollen des CanMEDS-Modells zugeordnet. Während der Vorlesung werden die Werke dann im Zusammenhang mit den Rollen präsentiert und diskutiert. Dabei ist nicht nur die Zugehörigkeit zum einen oder anderen Blütenblatt des Modells relevant, sondern auch die tatsächliche kreative Umsetzung durch die Studierenden. Manche Aufnahmen arbeiten mit viel Bildwitz. Andere werfen kritische Blicke auf die Gegenwartsmedizin und ihre Rolle darin, um bspw. die Selbstfürsorge im Bereich der/des „Professional“, „Leader“ oder „Communicator“ zu verhandeln. In einigen Werken werden Detailaspekte in Szene gesetzt, wohingegen andere einen generalisierenden Blick auf die Medizin werfen. In vielen Arbeiten spielen zudem die Themen Sterben und Tod bzw. die Verortung des ärztlichen Berufs in existenziellen Grenzsituationen eine entscheidende Rolle, um dabei unterschiedliche Aspekte der CanMEDS-Rollen der/des „Professionell Handelnden“, „Kommunikator*in“, „Manager*in“, „Mitglieds eines Teams“ oder „Gesundheitsberater*in und Gesundheitsfürsprecher*in“ aufzurufen. Ein weiteres, häufiges Motiv ist die Teamarbeit, in der sich die „Manager*in“-, „Mitglied eines Teams“- sowie die „Gelehrten"-Rolle reflektieren. Einen Überblick über das Bildmaterial bietet der Instagram-Account des LET ME-Programms (@lettered_medicine), auf dem die ausgewählten Werke – bei entsprechender Zustimmung der Urheber – veröffentlicht werden.

Die Fotografien fungieren auf diese Weise selbst als Impulse. Es entsteht ein Panorama aus von den Studierenden selbst gestalteten ärztlichen Rollen, um insgesamt den Horizont der im CanMEDS-Modell zentralen Rolle der/des „Medical Expert“ zu illustrieren. Und natürlich findet auch eine Auslobung der ersten drei Plätze statt, die jeweils einen Preis erhalten, um der Veranstaltung insgesamt einen festiven Abschluss zu verleihen.

3. Bewertung durch Studierende und Ausblick

Studierende sollen durch die neu gestaltete Vorlesungsreihe mit den ärztlichen Rollen und deren Bedeutung für den medizinischen Berufsalltag sowie für das eigene professionelle Selbstverständnis vertraut gemacht werden. Das CanMEDS-Modell wurde hierfür gewählt, da es in seiner bereits abgeschlossenen Form auch als eine essenzielle Grundlage des noch in der Überarbeitung befindlichen NKLM dient. Zugleich bietet die Ausarbeitung zum Blütenblatt eine besondere Haptik und Nachvollziehbarkeit, die sich für die Vermittlung an Studierende auf besondere Weise eignet.

Die Umgestaltung der Vorlesungsreihe wurde für das WS 2022/23 angegangen und hat damit zum aktuellen Zeitpunkt zwei Durchführungen gezeitigt. Die Standardevaluation der IVL-1 erfragt von den Studierenden eine Benotung der einzelnen Lehrveranstaltungen. Ein Freitextfeld erlaubt die Eingabe von Kommentaren. Eine umfassende Evaluation speziell der neuen Vorlesungsreihe steht noch aus. Aus den ermittelten Ergebnissen lässt sich aber bereits eine erste Bilanz ziehen (siehe Abbildung 2 [Abb. 2]).

Abbildung 2: Bewertungen nach Noten der Vorlesungsreihe „Einführung in die klinische Medizin“ für die Wintersemester 2022/23 und 2023/24 durch teilnehmende Studierende

Einige Schlaglichter auf die Freitextkommentare können zudem inhaltliche Anhaltspunkte für die Bewertungen geben. So wurde bspw. für den ersten Termin im WS 2023/24 vor allem die Interaktion als gelungener methodischer Ansatz gewürdigt („gute Interaktivität“, „ich liebe die andere Herangehensweise an die Vorlesung mit dem interaktiven Teil“), während zugleich das ungewöhnliche Format und seine ergebnisoffene Struktur kritisiert wurden: „Nicht wirklich viele harte Infos über die Fächerorganisation und was einen erwartet, sondern viel Allgemeines, womit man noch nicht recht viel anfangen kann.“ Auf einer allgemeineren Ebene wurde die Möglichkeit zur Reflexion prinzipiell positiv bewertet: „Ein guter Mix aus Selbstreflektion und Inspiration“/„eine super Chance, um mehr zu reflektieren über das „Arzt sein““/„sehr positiv, dass im Studium neben theoretischen, medizinischen Inhalten ebenfalls themenübergreifende Vorlesungen angeboten werden, die zum Nachdenken und Reflektieren anregen“.

Als Kritik v.a. zu den Podiumsdiskussionen wurde ebenfalls im WS 2023/24 wiederholt die Kürze der Zeit angesprochen und für ein solches Format ein größerer Zeitrahmen eingefordert. Die ebenfalls erhobene, allgemeine Teilnehmendenzahl ergab einen im Durchschnitt der gesamten IVL-1 liegenden Wert und gewährt damit noch keinen differenzierten Einblick in die mögliche Aktivierung der Studierenden zum Besuch der Vorlesung durch den Einsatz innovativer Formate.

Die bis zum jetzigen Zeitpunkt erhobenen Evaluationen der bisherigen Veränderungen ergeben dennoch ein insgesamt sehr positives Bild der auf das CanMEDS-Modell umgestellten Vorlesungsreihe. Auch wenn die Teilnehmendenzahlen die anvisierte Attraktivitätssteigerung durch interaktive Formate noch nicht untermauern, ziehen die Freitext-Kommentare in großer Mehrheit ein sehr positives Fazit. In diesem Sinne ist geplant, weiter an der Neuaufstellung der Vorlesungsreihe mit den vorgestellten Formaten und Methoden zu arbeiten und auch weitere Termine mit stärkerem Einbezug der Studierenden zu gestalten.

Da an der Technischen Universität München nur der klinische Studienabschnitt stattfindet, war eine Verortung der Lehrveranstaltung an dessen Beginn ein wichtiges Anliegen. Eine solche Lehrveranstaltung könnte aber bereits im ersten Semester der Vorklinik durchgeführt werden, um die Auseinandersetzung mit den Rollen des CanMEDS-Modells von Studienbeginn an zu ermöglichen. Dies könnte die Produktivität für die Studierenden zusätzlich steigern.

ORCIDs der Autor*innen

Interessenkonflikt

Die Autor*innen erklären, dass sie keinen Interessenkonflikt im Zusammenhang mit diesem Artikel haben.


Literatur

[1] Frank JR, Snell L, Sherbino J. CanMEDS 2015. Physician competency framework. Ottawa: The Royal College of Physicians and Surgeons of Canada; 2015.
[2] Frank JR. The CanMEDS project: The Royal College of Physicians and Surgeons of Canada moves medical education into the 21st century. In: Hinsdale HB, Hurteau G, editors. The evolution of specialty medicine/L'évolutions de la medicine spécialisée. 1979-2004, Ottawa: The Royal College of Physicians and Surgeons of Canada; 2004. p.187-197.
[3] Cornett M, Palermo C, Ash S. Professional identity research in the health professions. A scoping review. Adv Health Sci Educ Theory Pract. 2023;28(2):589-642. DOI: 10.1007/s10459-022-10171-1
[4] Sarraf-Yazdi S, Teo YN, How AE, Teo YH, Goh S, Kow CS, Lam WY, Wong RS, Ghazali HZ, Lauw SK, Tan JR, Lee RB, Ong YT, Chan NP, Cheong CW, Kamal NH, Lee AS, Tan LH, Chin AM, Chiam M, Krishna LK. A Scoping review of professional identity formation in undergraduate medical education. J Gen Intern Med. 2021;36(11):3511-3521. DOI: 10.1007/s11606-021-07024-9
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[6] Thoma B, Karwowska A, Samson L, Labine N, Waters H, Giuliana M, Chan TM, Atkonson A, Constantin E, hall, AK, Gomez-Garibello C, Fowler N, Tourian L, Frank J, Anderson R, Snell L, Van Melle E. Emerging concepts in the CanMEDS physician vompetency framework. Can Med Educ J. 2022;14(1):4-12. DOI: 10.36834/cmej.75591
[7] Waters HM, Oswald A, Constantin E, Thoma B, Dagnone JD. Physician humanism in CanMEDS 2025. Can Med Educ J. 2023;14(1):13-17. DOI: 10.36834/cmej.75536
[8] Steinert Y. Educational theory and strategies to support professionalism and professional identity formation. In: Cruess RL, Cruess SR, Steienrt Y, editors. Teaching medical professionalism. Supporting the development of a professional identity. Cambridge: Cambridge University Press; 2016. p.68-83. DOI: 10.1017/CBO9781316178485.007
[9] Charon R. Narrative medicine. Honoring the stories of illness. Oxford, New York: Oxford university press; 2006. DOI: 10.1093/oso/9780195166750.001.0001
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[11] Berberat PO, Michl S, Teufel D, Wohlmann A. Einleitung. Die Narrative Medizin im deutschsprachigen Raum. In: Wohlmann A, Teufel D, Berberat PO, editors. Narrative Medizin. Praxisbeispiele aus dem deutschsprachigen Raum. Wien, Köln: Böhlau; 2022. p.7-20. DOI: 10.7788/9783412523619.7