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GMS Journal for Medical Education

Gesellschaft für Medizinische Ausbildung (GMA)

ISSN 2366-5017


Dies ist die deutsche Version des Artikels. Die englische Version finden Sie hier.
Projektbericht
Ethikfallberatung

[„Gut Beraten“ – Simulation einer Ethikfallberatung mit Studierenden der Evidenzbasierten Pflege, Hebammenwissenschaft und Humanmedizin im Rahmen einer interprofessionellen Lehrveranstaltung]

 Christiane Vogel 1
Jan Schildmann 1
Sabine Sommerlatte 1
Elisabeth Schmidt 2

1 Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Medizinische Fakultät, Institut für Geschichte und Ethik der Medizin, Halle (Saale), Deutschland
2 Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Medizinische Fakultät, Institut für Rehabilitationswissenschaft, Halle (Saale), Deutschland

Zusammenfassung

Zielsetzung: Interprofessionelle Lehre (IPL) bereitet Studierende der Gesundheitsberufe auf die gemeinsame Versorgung von Patient:innen vor und fördert die (inter-)professionelle Identitätsentwicklung. Für bestmögliche Handlungsempfehlungen ist eine interdisziplinäre Zusammenarbeit in klinisch-ethischen Fallberatungen unerlässlich. Daher bietet sich die Simulation des bereits etablierten Formats der prinzipienorientierten ethischen Fallberatung für die IPL an.

Methodik: Es wurde eine interprofessionelle Lehrveranstaltung (LV) für drei Professionen (Evidenzbasierte Pflege, Hebammenwissenschaft und Humanmedizin) entwickelt mit Fokus auf der Simulation von prinzipienorientierten ethischen Fallberatungen. Nach einer theoretischen Einführung agieren die Studierenden in ihren (zukünftigen) beruflichen Rollen als Teilnehmende einer solchen Beratung. Mittels einer modifizierten Fishbowl-Methode werden zwei Fälle simuliert und reflektiert. Die LV wird mit einem selbstentwickelten Fragebogen evaluiert, der mit EvaSys umgesetzt wird.

Ergebnisse: Die LV wurde seit Wintersemester 2022/2023 drei Mal durchgeführt. Von 123 Studierenden konnten 96 Evaluationsbögen ausgewertet werden (Rücklauf 78%). Auf einer 5-stufigen Likertskala (1=„trifft völlig zu“) berichten die Studierenden u.a. über eine „positive Veränderung der Haltung zur interprofessionellen Zusammenarbeit durch die LV“ mit im Mittel 1,8±0,8 und die „Sensibilisierung für verschiedene ethische Dimensionen für die berufliche Tätigkeit“ mit 1,6±0,9. Die Freitexte zeigen, dass die Studierenden besonders von der praktischen Übung, den echten Fällen und dem interprofessionellen Austausch profitiert haben.

Schlussfolgerung: Ethische Themen bieten sich aufgrund der erforderlichen multiprofessionellen Perspektive als inhaltlicher Fokus für die IPL an. Hier kann praxisnah Verständnis und Wertschätzung verschiedener ethisch relevanter Perspektiven gefördert werden.


Schlüsselwörter

interprofessionelle Lehre (IPL), prinzipienorientierte Ethikfallberatung, professionelle Identitätsentwicklung, interprofessionelle Zusammenarbeit (IPZ), kollaborative Praxis

Einleitung

Eine gut funktionierende interprofessionelle Zusammenarbeit (IPZ) von Mitgliedern verschiedener Gesundheitsprofessionen kann nachweislich die Gesundheitsversorgung von Patient*innen verbessern und sicherer machen [1], [2], [3], [4]. Für die Umsetzung in der Praxis ist es wichtig, dass bereits in Studium und Ausbildung interprofessionell – also mit zwei oder mehr Berufen „mit-, von- und übereinander“ gelernt wird [5]. Über die gemeinsame Interaktion der Berufsgruppen lernen Beteiligte Kommunikations- und Denkweisen der Anderen besser kennen und erweitern neben den persönlichen und fachlichen Kompetenzen auch ihren Horizont mit Blick auf die „Integration von Wissen, Fähigkeiten und Werten, die die interprofessionelle Zusammenarbeit definieren“; beispielsweise Beziehungs-, Prozess- und Ergebnisorientierung sowie gegenseitiger Respekt und Teamarbeit [6]. So kann diese Form der Zusammenarbeit – insbesondere in den frühen Abschnitten der Ausbildung – als Motor für die persönliche Identitätsentwicklung verstanden werden. Sternszus et al. (2023) sehen in der IPZ, neben einer positiven Beeinflussung hinsichtlich Professionalität, Wohlbefinden und Inklusivität, die Entwicklung eines größeren Werte-Bewusstseins sowie einer Sinngebung [7]. Mit der interprofessionellen Identität ist das Gefühl der Zugehörigkeit zu einer interprofessionellen Gemeinschaft, welches insbesondere in spontanen authentischen klinischen Umgebungen hervorgebracht werden kann, gemeint [8]. Je früher IPL in die Ausbildung von Gesundheitsprofessionen einfließt, desto nachhaltiger die Auswirkung auf die interprofessionelle Identität [8].

IPZ reicht von Ideen- und Wissensaustausch über gegenseitige Unterstützung bis zur gemeinsamen Aufgabenbearbeitung und impliziert verschiedene Intensitäten sowie wechselseitige Abhängigkeiten [9]. Ein Beispiel für eine intensive und vielschichtige Form der interprofessionellen Kooperation im Gesundheitsbereich ist die klinische Ethikfallberatung – ein berufsübergreifendes Versorgungskonzept, welches eine starke Vernetzung erfordert. Ethikfallberatung wird verstanden als „Unterstützungsangebot für alle an der Gesundheitsversorgung beteiligten Personen in ethisch schwierigen oder herausfordernden Situationen [und] befasst sich vor allem mit Fragen, die sich auf die Versorgung einzelner Personen beziehen“ [10]. Hier treffen verschiedene Kenntnisse i.S.v. Fachkompetenzen auf individuelle professionsgeprägte Werthaltungen. Mit einer interprofessionellen Lehreinheit, in der die Simulation einer solchen Ethikfallberatung im Zentrum steht, lässt sich frühzeitig für diese Form der Kooperation sensibilisieren. Im Fokus stehen dabei gemeinsames Arbeiten, Problemlösen, miteinander Diskutieren und Reflektieren und Kennenlernen anderer Sichtweisen und Erfahrungen. Gleichzeitig werden wichtige Softskills wie Achtsamkeit, Neugierde und Stresstoleranz, die im Rahmen einer Ethikfallberatung von Bedeutung sind, vermittelt.

Studierende in Gesundheitsberufen sind bereits im Studium und später im Beruf mit ethischen Herausforderungen konfrontiert [11], die sich u.a. aus den „wachsende[n] Anforderungen und komplexer werdende[n] Bedarfslagen der Patienten“ herausbilden und dabei Berufsgrenzen überschreiten [12]. In vielen Gesundheitseinrichtungen wurden in den letzten Jahren Strukturen zur Beratung bei ethischen Konflikten etabliert [13]. Eine wichtige Voraussetzung für die professionelle Umsetzung von Ethikfallberatung ist die Beteiligung ethisch kompetenter Vertreter*innen unterschiedlicher Gesundheitsberufe, die gemeinsam beraten und ihre unterschiedlichen (moralischen) Sichtweisen und Erfahrungen einbringen. Dies ist notwendig, um zu Beginn der Fallberatung die medizinisch-pflegerische Aufarbeitung der Situation zu gewährleisten; denn „[g]ute ethische Entscheidungen können nur auf der Grundlage der moralisch relevanten pflegerischen und medizinischen Fakten getroffen werden“ [14].

Eine strukturierte Methode der Auseinandersetzung mit einem ethischen Konflikt ist die prinzipienorientierte Fallberatung [15], [16], die sich an den vier Grundsatz-Prinzipien ethischen Handelns in der Medizin orientiert (siehe Abbildung 1 [Abb. 1]), wie sie von Beauchamp und Childress entwickelt wurden [17].

Abbildung 1: Vier Prinzipien mittlerer Reichweite nach [17] inklusive ergänzender Beschreibung nach [16]

Diese Prinzipien bieten einen Orientierungsrahmen, um sich einem konkreten ethischen Problem zu nähern [14].

Die Teilnahme an einer Ethikfallberatung kann potenzielle Diskrepanzen zwischen Aspekten der persönlichen Identität und bestimmten Normen des eigenen Berufes und anderer Berufe hervorrufen. Studierenden kann eine Teilnahme dazu verhelfen, sich hin zu einem immer komplexeren Verständnis von sich selbst als Mensch und in ihrer Rolle als Gesundheitsfachperson mit einem authentischen und kompromissbereiten Selbstverständnis zu entwickeln [7]. Der Reflexionsprozess setzt insbesondere in nicht routinemäßigen Situationen (wie in einer Ethikfallberatung) ein, so dass dies „im besten Fall zu einer kritischen Analyse des eigenen Wissens und der Selbstwahrnehmung führt” [18].

Die Simulation einer strukturierten, prinzipienorientierten Ethikfallberatung bietet eine geschützte Lernumgebung um Studierende in der Entwicklung ihrer (inter-)professionellen Identität zu unterstützen und Kompetenzen für Situationen der Verantwortungsübernahme zu vermitteln (siehe Tabelle 1 [Tab. 1]) sowie für den geübten Umgang mit herausfordernden Situationen im interprofessionellen Setting [19].

Tabelle 1: Kompetenzen in der (inter-)professionellen Identitätsentwicklung

Zielstellung

Unser Ziel ist die Konzipierung, Durchführung und Evaluation einer IPL-Veranstaltung, welche Studierende aus den Studiengängen Evidenzbasierte Pflege (EbP), Hebammenwissenschaft (HebWiss) und Humanmedizin (HM) für ethische Fragestellungen und IPZ sensibilisiert. Dabei steht die Simulation prinzipienorientierter Fallberatungen sowie die Vermittlung (inter-)professioneller Kompetenzen im Vordergrund. Die gewonnenen Erkenntnisse werden im Sinne einer evidenzbasierten Lehre für die zukünftige Konzeption und Umsetzung von IPL zu ethischen Themen im Gesundheitswesen genutzt. Der NKLM 2.0 dient als Referenzpunkt für die Entwicklung der zukünftigen Lehr- und Lerninhalte.

Projektbeschreibung

Verortung an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU)

IPL ist ein gewählter Schwerpunkt an der Medizinischen Fakultät der MLU [20]. Aktuell sind verschiedene interprofessionelle Module in der Lehre etabliert, vor allem in den Studiengängen HM und EbP und in den Ausbildungsberufen Pflege und Physiotherapie [20], [21]. Weitere Berufsgruppen sollen in die IPL einbezogen werden, vor allem die Studierenden der HebWiss. Im Studiengang HM findet der Schwerpunkt der IPL im Praktischen Jahr (PJ) statt: während jedes Tertials muss ein IPL-Modul von 240 min belegt werden. Die PJler*innen können aus den jeweils angebotenen Modulen auswählen. Im Studiengang EbP sind verschiedene IPL-Module longitudinal ab dem dritten Fachsemester im Curriculum verankert. Der 2021 neu etablierte Studiengang der HebWiss wird aktuell in die IPL integriert.

Das Modul Ethik und Geschichte der Medizin ist in den Studiengängen EbP und HebWiss im dritten Fachsemester verankert und wird gemeinsam gelehrt. Es bot sich an, im Rahmen dieses Moduls eine IPL-Veranstaltung zu etablieren. Als dritte Berufsgruppe wurden HM-Studierende einbezogen. Aus organisatorischen Gründen befinden sich diese im elften Semester, innerhalb ihres PJs.

Planung der Lehrveranstaltung

Die IPL-Veranstaltung wurde von einem interprofessionellen Team konzipiert und durchgeführt: CV (Philologin, Ethikberaterin, Lehrerfahrung), JS (Mediziner, Medizinethiker, Ethikberater, Lehrerfahrung), SS (Medizinerin, Ethikberaterin, Lehrerfahrung), ES (IPL-Lehrkoordinatorin, Gesundheitswissenschaftlerin, Physiotherapeutin, IPL-Fachexpertin, Lehrerfahrung). Aufgrund der guten Zusammenarbeit mit benachbarten Instituten ist es uns jederzeit möglich spezifische Expertise aus den entsprechenden Berufsfeldern einzuholen.

Wie bereits beschrieben, gab es in der Planungsphase verschiedene Herausforderungen:

  • Vereinbarkeit verschiedener Curricula
  • Terminfindungen (u.a. Planungsteam)
  • Organisationsaufwand
  • Wahlpflichtfach HM im SoSe verortet, Ethik für Hebammen und EbPler*innen im WiSe
  • passende Fallvignetten

Ablauf und Durchführung der Lehrveranstaltung

Typisch für IPL ist, dass es oft „durch mehrere Lehrende […] in Präsenz betreut [wird] und [...] sich durch überwiegend interaktive Lehrformate oder eine Kombination mit frontaler Lehre [auszeichnet]“ [22]. So hat sich auch bei unserer LV eine Kombination aus frontaler theoretischer Einführung und interaktivem Lehrformat als günstig herausgestellt (siehe Abbildung 2 [Abb. 2]).

Abbildung 2: Übersicht Ablauf der Lehrveranstaltung (eigene Darstellung)

Die LV wurde mit einer Einführung in die Klinische Ethik und einer Übersicht über den Gegenstandskatalog des Klinischen Ethikkomitees (KEK) der Universitätsmedizin Halle (UMH) begonnen, um die Studierenden mit den hiesigen Angeboten vertraut zu machen. Dem schloss sich eine theoretische Hinführung zur Prinzipienethik (s.o.) an. Anhand eines Fallbeispiels, bei dem das Abwägen von Nutzen und Schaden einer Weiterbehandlung eines Patienten auf Intensivstation im Fokus steht, wurde die Methode der prinzipienorientierten ethischen Fallberatung gemeinsam angewandt. Außerdem wurde ein Austausch zu Erwartungen und Herausforderungen an eine interprofessionelle Fallberatung angeregt, indem von der dozierenden Person z.B. nach ersten eigenen Erfahrungen mit einer Ethikfallberatung gefragt wurde, z.B. im Rahmen eines Praktikums. War dies nicht der Fall, sollten die Studierenden sich über Herausforderungen und eigene Erwartungen, die sie an eine Teilnahme an einer interprofessionellen Ethikfallberatung haben, austauschen. Dies nahm ca. 10-15 min in Anspruch.

Mit einer jeweils zahlenmäßig gleichen Aufteilung der Professionen wechselte die Gruppe aus dem Plenum in drei Seminargruppen. Hier wurden jeweils zwei anonymisierte und veränderte Fälle der Ethikfallberatung des KEKs der UMH von den Studierenden in der Rolle ihrer jeweiligen (zukünftigen) Profession simuliert und damit gemeinsam erarbeitet. Der erste Fall fokussiert auf das ethische Dilemma rund um einen Patienten, der eine lebensrettende Bluttransfusion aus religiösen Gründen ablehnt. Im zweiten Fall wird ein ethischer Konflikt aus der Neonatologie diskutiert. Im Mittelpunkt steht die gemeinsame Eruierung des Kindeswohls unter Abwägung von Nutzen und Schaden bezüglich der weiteren Durchführung intensivmedizinischer Maßnahmen bei einer grenzwertigen Indikation. Die Studierenden übernehmen sowohl die Rolle der Teilnehmenden einer Ethikfallberatung als auch die der Moderation. Hierfür wird die Fishbowl-Methode in leicht abgeänderter Form genutzt mit (Co-)Moderation und aktiv Teilnehmenden im „Innenring“, die ihre berufliche Sicht auf Augenhöhe darstellen und einbringen können, sowie passiv Teilnehmenden (Beobachtende) im „Außenring“, deren Fokus auf dem Feedback liegt (siehe Abbildung 3 [Abb. 3]).

Abbildung 3: Abgewandelte Fishbowl-Methode (eigene Darstellung)

Moderation und Beratung wurden von der Kursleitung und den Studierenden im Rahmen einer semi-strukturierten Gruppendiskussion jeweils nach Abschluss eines „Falles“ reflektiert. Dafür stand den Gruppen von vier Unterrichtseinheiten (UE) circa eine UE zur Verfügung. Beobachtungs- bzw. Reflexionsfragen umfassten die Rolle der Moderation („Was lief gut?“, „Was hat Ihnen gefehlt?“, Was sollte beim nächsten Mal beachtet werden?“) oder das ethische Argumentieren anhand der vorgegebenen Beratungsstruktur. Zur Unterstützung wurde den Studierenden ein Handout mit den wichtigsten Punkten zur prinzipienorientierten ethischen Fallberatung sowie der Moderation ausgehändigt.

Im Anschluss der LV wurden Evaluationsbögen ausgeteilt, freiwillig und anonym ausgefüllt und wieder eingesammelt.

Evaluation

Die LV wurde mit einem selbstentwickelten Fragebogen mit offenen und geschlossenen Fragen evaluiert, der mit EvaSys umgesetzt wurde. Die Fragen, die IPL betreffen, sind an die vorgegebenen Kernkompetenzen der IPEC [6] angelehnt. Erhoben werden primär die subjektiven Erfahrungen und Wahrnehmung der Teilnehmenden. Die Domänen des Fragebogens beinhalten Angaben zur Person, Lerneffekt, Organisation und Struktur der Lehrveranstaltung, Lerninhalte/Vorkenntnisse und Gesamteinschätzung. Zu letztgenannter Domäne gehören auch offene Fragen. Geschlossene Fragen wurden mittels einer Likertskala von 1-5 beantwortet. Es wurden u.a. Mittelwerte (MW) und Standardabweichung (SD) berechnet.

Ergebnisse

Die IPL-Veranstaltung „Ethische Fallberatung“ wurde bisher im Wintersemester 2022/2023, 2023/2024 und 2024/2025 durchgeführt.

Von insgesamt 123 Studierenden konnten 96 Evaluationsbögen ausgewertet werden (n=96, Rücklauf 78%). Alle Bögen, auch unvollständig ausgefüllte, flossen in die Auswertung mit ein. Ausgewählte Ergebnisse werden in dieser Arbeit vorgestellt.

Einen Überblick über die teilnehmenden Studierenden über die verschiedenen Semester sowie die zahlenmäßige Aufteilung der Studien- und Ausbildungsrichtungen geben Abbildung 4 [Abb. 4] und Abbildung 5 [Abb. 5].

Abbildung 4: Anzahl der Studierenden im Verlauf der Semester insgesamt

Abbildung 5: Übersicht über die zahlenmäßige Aufteilung der Studien- und Ausbildungsrichtungen im Verlauf der Semester

Bei einer Gesamtzahl von 96 Evaluationen überwiegen zahlenmäßig die Studierenden der HebWiss (46%, n=44), gefolgt von denen der HM (31%, n=30) und denen der EbP (23%, n=22).

„Der didaktische Aufbau gefiel“ wurde auf einer 5-stufigen Likertskala (1: trifft völlig zu) mit 2,1±0,9, die „Organisation des Modulablaufs“ mit 1,8±1 und die „angemessene Gruppengröße“ mit 1,7±0,9 bewertet. Der Stoffumfang wurde mit 2,9±0,6 benotet (Likertskala 1-5 von zu groß-zu gering).

Die Ergebnisse der Domäne Lernerfolge sind in Abbildung 6 [Abb. 6] und Abbildung 7 [Abb. 7] dargestellt.

Abbildung 6: Lerneffekt 1 (n ist die Anzahl der gegebenen Antworten)

Abbildung 7: Lerneffekt 2 (n ist die Anzahl der gegebenen Antworten)

Die Antworten der offenen Fragen („Was hat Ihnen besonders gut gefallen?“, „Was hätten Sie sich anders gewünscht?“) wurden inhaltlich zusammengefasst. Die wichtigsten Ergebnisse diesbezüglich werden in Tabelle 2 [Tab. 2] dargestellt.

Tabelle 2: Ausgewählte qualitative Ergebnisse der offenen Fragen

In der Gesamteinschätzung der Evaluation möchten 100% (n=80) der Studierenden, dass diese Veranstaltung weiterhin, sowie 96% (n=76), dass weitere fachspezifische IPL-Veranstaltungen angeboten werden. Insgesamt bewerten sie die Veranstaltung im Mittel mit 1,7±0,5 (n=75) in einem Schulnotensystem von 1-5.

Diskussion

Die IPL-Veranstaltung zur klinischen Ethikfallberatung wurde bislang sehr positiv evaluiert. Bei der Interpretation der Daten ist limitierend zu bedenken, dass die Fallzahlen gering sind. Aufgrund der Art der Evaluation kann die Ergebnisdarstellung mit Ausnahme der soziodemographischen Daten nur gemeinsam für alle Professionen erfolgen. In Zukunft sollte dies differenziert betrachtet werden.

Die Antworten der Evaluation zeigen, dass bei drei der vier IPEC-Hauptkategorien (Values and Ethics, Communication, Teams and Teamwork) [6] die Studierenden eine Verbesserung angeben. Die LV trägt somit zu diesbezüglichen Kompetenzzuwachs bei. Die vierte Kategorie (Roles and Responsiblities) wird in der Evaluation nicht explizit abgefragt. Es ist davon auszugehen, dass durch den intensiven Austausch der Studierenden mit den jeweiligen Fachgebieten und Expertisen auch ein erweitertes Verständnis der Rollen und Verantwortlichkeiten erfolgt. In zukünftigen Evaluationen könnte eine diesbezügliche Frage ergänzt werden.

Die Items Erwerb von Faktenwissen und von praktischen Fähigkeiten sind erwartungsgemäß im mittleren Bereich bewertet worden, da der Fokus der Veranstaltung nicht auf der Verbesserung eben dieser lag. Der Lerneffekt für die Items der interprofessionellen und ethischen Dimensionen wurde deutlich besser bewertet und eingeschätzt. Dies zeigt, dass die LV die diesbezüglich gesetzten Ziele erreicht hat. Fast alle Studierenden wünschen sich diese sowie weitere IPL-Veranstaltungen. Daher kann davon ausgegangen werden, dass den Studierenden IPL und IPZ sowohl für die Versorgung von Patient*innen als auch für die eigene berufliche Entwicklung wichtig sind.

Der hohe Anteil an HebWiss-Studierenden ergibt sich aus organisatorischen Gründen und der jeweiligen Jahrgangsgröße. Die Autor*innen haben darauf keinen Einfluss. Jedes Jahr variiert daher die Zusammensetzung der Studierenden. Damit die HebWiss-Studierenden sich gut eingebunden fühlen, haben beide für die Simulation vorgesehenen Fälle diesbezügliche Anknüpfungspunkte.

Durch den gemeinsamen Theorieteil wird sichergestellt, dass alle Studierenden den gleichen Wissensstand zum Thema haben. So wird versucht, die unterschiedlichen Ausbildungsstände etwas anzugleichen. Weiterhin haben sowohl die HebWiss-Studierenden als auch die der EbP bereits im Rahmen ihrer Curricula Praxiserfahrungen sammeln können. Es wäre wünschenswert, dass die Studierenden der verschiedenen Studiengänge einen ähnlichen Ausbildungsstand hätten, z.B. dass die angehenden Mediziner*innen bereits in einem früheren Semester an der Veranstaltung teilnehmen könnten. Dies ist aus organisatorischen Gründen zum aktuellen Zeitpunkt nicht möglich.

Ethische Themen bieten sich aufgrund der erforderlichen multiprofessionellen Perspektive als Inhalt für IPL an. Die hier vorgestellten Ergebnisse unterstreichen den Mehrwert, der durch die Simulation von Ethikfallberatungen für die Studierenden der verschiedenen Professionen entsteht – auch mit Blick auf die persönliche und berufliche Entwicklung (professional identity formation). So können die ethischen und kommunikativen Kompetenzen, die in der Lehre zur Ethikfallberatung erworben werden, bereits im Studium sowie später im Beruf genutzt werden. Unsere Ergebnisse schließen sich an bestehende Veröffentlichungen zum Thema IPL mit ethischem Fokus an (u.a. [23], [24]). Auch Sternszus et al. (2023) unterstreichen die hier aufgezeigte positive Beeinflussung von IPZ hinsichtlich Professionalität, Wohlbefinden und Inklusivität [7]. Seidlein und Salloch (2025) heben kürzlich die „gute[n] Chancen, Wissen und Verständnis in beiden Berufsgruppen zu fördern“ hervor, wenn sich die interprofessionellen Lehrformate „nicht auf praktische Themen der Diagnostik und Behandlung beschränken“ [25]. Die in unserer LV umgesetzten Kompetenzen und Lernziele finden sich auch im NKLM 2.0 [https://nklm.de/zend/objective/list/orderBy/@objectivePosition/modul/200553] wieder, sowohl im Teil VIII.6, Professionelles Handeln und Ethik, Geschichte und Recht der Medizin sowie im Teil VIII.3, Interprofessionelle Kompetenzen. Vor allem die Handlungskompetenzen und die IP-Kompetenzen NKLM VIII.3-01.2 (Werteorientierter Umgang innerhalb des IP-Teams) sowie NKLM VIII.3-03 (Teamkommunikation) wurden durch die eigenständige Durchführung der Ethikfallberatung (NKLM VIII.6-04.4.12) und deren Reflexion gestärkt. Die Kompetenztiefe wird mit 3b eingeschätzt, in den Kompetenzen der Ethik mit 3a bis 3b. Die Anforderungen des NKLM werden dabei mindestens erfüllt bzw. übererfüllt. Es ist davon auszugehen, dass die Kompetenzentwicklung für die HebWiss und EbP genauso relevant ist und analog erfolgt.

In- und Output der einzelnen Professionen – Erkenntnisse

Um die Versorgungsqualität und Patientensicherheit zu verbessern, sollen IPL-Module frühzeitig in die Ausbildung von Gesundheitsberufen eingebunden werden. Der gemeinsame Charakter dieser wichtigen übergeordneten Ziele kann durch eine „culture of cooperative interdependence and collaboration between teams“ geschaffen werden [26]. Mit Blick auf die Entwicklung einer eigenen professionellen Identität ist das interprofessionelle Lernen unumgänglich. Ebenso gilt dies für das bessere Verständnis bezüglich der Rollen und Identitäten der Anderen. Laut Juschka et al. (2024) [22] lässt sich ohne intensive Zusammenarbeit der Professionen „kein tiefgründiges Verständnis für die unterschiedlichen Rollen und die Kultur der jeweils anderen Profession“ entwickeln. Beispielhaft wird auf den Input einer angehenden Hebamme verwiesen, die erwähnte, dass im Falle eines Therapieabbruchs in der Neonatologie insbesondere mit Blick auf das soziale Umfeld und die Eltern eine Nottaufe oder das Nehmen eines Fußabdrucks als mögliches Erinnerungsstück zu bedenken sei. Dies sind wichtige Aspekte, die für das Behandlungsteam in einer solchen Situation mitgedacht werden sollten.

Das Reflektieren nach der Simulation ermöglicht das Bewusstmachen des Vorganges, wodurch das eigentliche Lernen geschieht. Die Reflexion kann sich dabei auf den besprochenen Fall, auf die eigene (zukünftige) berufliche Position, aber auch auf die Rolle innerhalb des Teams beziehen. Sich über den eigenen Standpunkt klar zu werden und diesen authentisch zu vertreten sowie andere Positionen gewahr zu werden und kritisch zu hinterfragen, ist gleichfalls Teil der Reflexion [6].

Bezugnehmend zur Evaluation gibt es Überlegungen, die Veranstaltung für die Zukunft anzupassen. Die mögliche Adaption bezieht sich insbesondere auf den Theorieteil, der sich z.B. als blended-learning oder flipped classroom vorschalten ließe. So würde dem individuellen Tempo der Studierenden beim Aneignen von neuem Wissen genügend Raum gelassen und auch die unterschiedlichen Vorwissensstände ließen sich aufgreifen. Eine weitere Adaption bezieht sich auf den Anspruch an die Fallgestaltung der spezifisch vorbereiteten Vignetten, um allen Professionen gerecht zu werden und um niemanden im simulierten Beratungsprozess zu verlieren oder auszugrenzen. Weiterhin können den Studierenden Factsheets zu den jeweiligen Fällen zur Verfügung gestellt werden.

Schlussfolgerung

IPL zur Ethikfallberatung fördert das Verständnis und die Wertschätzung verschiedener ethisch relevanter Perspektiven und ethischer Bewertungen von Akteur*innen im Gesundheitswesen. Ethische Themen bieten sich aufgrund der erforderlichen multiprofessionellen Perspektive als inhaltlicher Fokus für IPL an. Unsere Veranstaltung wird kontinuierlich evaluiert. Gewonnene Ergebnisse werden im Sinne einer evidenzbasierten Lehre für die zukünftige Konzeption und Umsetzung von IPL-Veranstaltungen zu ethischen Themen im Gesundheitswesen genutzt.

ORCIDs der Autor*innen

Interessenkonflikt

Die Autor*innen erklären, dass sie keinen Interessenkonflikt im Zusammenhang mit diesem Artikel haben.


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