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GMS Journal for Medical Education

Gesellschaft für Medizinische Ausbildung (GMA)

ISSN 2366-5017


Dies ist die deutsche Version des Artikels. Die englische Version finden Sie hier.
Gewusst wie
Studierende als Lehrende

[Perspektivenwechsel: Studierende als Lehrende – ein Erfahrungsbericht von Pflege- und Medizinstudierenden in der Rolle als Peer-Tutorierende]

Patrick Frei 1
Tim Fischer 1
Jan-Ole Heering 2
 Sarah Gutmann 1

1 ETH Zürich, Bachelor of Medicine, Zürich, Schweiz
2 Berner Bildungszentrum Pflege, Bern, Schweiz

Zusammenfassung

Einleitung: Peer-Tutoring ist eine bewährte Methode zur Lernförderung, die den Wissensaustausch und soziale Interaktion unter Studierenden stärkt. Erfahrenere Studierende übernehmen die Rolle der Lehrenden und unterstützen ihre Peers in theoretischen und praktischen Fertigkeiten. Am Berner Bildungszentrum Pflege (BZ-Pflege) und der ETH Zürich wird das Projekt gezielt zur Vermittlung des peripheren Venenkatheter (PVK) Legens eingesetzt. In diesem Beitrag reflektieren vier Peer-Tutorierende ihre Erfahrungen und beleuchten Herausforderungen sowie Vorteile dieser Lehrmethode.

Prozessbeschreibung: Die Vorbereitung erfolgt durch ein strukturiertes Schulungsprogramm, mit theoretischer Online-Vorbereitung, praktischer Technikschulung und didaktischem Training. Im Unterricht leiten die Tutorierenden Kleingruppen an, demonstrieren die PVK-Anlage nach der Vier-Schritt-Methode nach Peyton und begleiten die Studierenden beim Üben. Erkenntnisse wurden durch Austausch unter den Tutorierenden, Feedback der Kursteilnehmenden und Selbstreflexion gewonnen.

Ergebnisse: Peer-Tutoring kommt nicht nur den Lernenden zugute, sondern fördert auch fachliche, didaktische und soziale Kompetenzen der Tutorierenden. Sie verbessern ihre Kommunikations- und Führungskompetenzen, entwickeln Problemlösungsstrategien und stärken ihre Entscheidungsfähigkeit. Die Betreuung in kleinen Gruppen schafft eine lernförderliche Atmosphäre und ermöglicht individuelle Anpassung des Unterrichts.

Schlussfolgerung: Peer-Tutoring ist eine wertvolle Ergänzung traditioneller Lehrmethoden. Studierende profitieren von praxisnahem Unterricht und direktem Feedback, Tutorierende erwerben wichtige Kompetenzen für ihre berufliche Tätigkeit. Daher sollte Peer-Tutoring weiter gefördert und in die Ausbildung integriert werden.


Schlüsselwörter

Peer-Tutoring, Pflegestudierende, Medizinstudierende, praktische Fertigkeiten

1. Einleitung

Peer-Tutoring ist eine Methode zur Lernunterstützung und fördert den Wissensaustausch sowie die soziale Interaktion zwischen Lernenden, indem erfahrenere Studierende weniger erfahrenen dabei helfen, Inhalte besser zu verstehen und anzuwenden [1]. Peer-Tutorierende sind selbst Lernende oder Studierende, die ihre Mitlernenden oder Mitstudierenden (Peers) unterrichten, anleiten und ihren Lernzuwachs mit ihrem Wissen und Können fördern. Indem Peer-Tutorierende lehren, vertiefen sie ihr eigenes Wissen und Können im jeweiligen Kompetenzbereich [2]. In diesem kollaborativen Lernsetting werden gleichgestellte Lernende aktiv in den Lehrprozess einbezogen. Anstelle der Dozierenden übernehmen die Lernenden die Rolle der Lehrenden und vermitteln ihren Peers theoretische und praktische Fähigkeiten [2].

Das Peer-Tutoring wird schon an verschiedenen Hochschulen und Universitäten eingesetzt. Die Vorteile des Peer-Tutorings liegen unter anderem in der Förderung von Eigenverantwortung, selbstständigem Lernen und Reflexionsvermögen. Zudem ermöglicht es eine vertrauensvolle Lernatmosphäre durch die horizontale Kommunikation zwischen den Studierenden [3].

Das Legen einer peripheren Verweilkanüle eignet sich gut für Peer-Tutoring, da es eine häufige und praxisnahe Massnahme im klinischen Alltag ist. In geschützter Lernsituation können Studierende einander praktisch anleiten, Feedback geben und dabei Fach- und Kommunikationskompetenzen stärken. Die klare Struktur und die Verbindung von Theorie und Praxis fördern effektives, kollegiales Lernen auf Augenhöhe [4]. Peer-Tutorierende werden im dritten Semester im praktischen Unterricht zum PVK-Legen eingesetzt. Dieser findet in den Räumlichkeiten des Lernen Trainings- und Transfer (LTT) einer Pflegeschule statt – ein seit Jahren etabliertes Konzept, das sich in der Praxis bewährt hat [5]. Die Kooperation zwischen dem Berner Bildungszentrum Pflege (BZ-Pflege) einer höheren Pflegefachschule in Bern und der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich (ETH Zürich) mit dem Bachelor Medizinstudium bildet die Basis des Kurses und verbindet pflegerische und medizinische Ausbildung mit didaktischer Innovation.

Das Setting des Kurses ist praxisnah aufgebaut: Während Dozierende des BZ-Pflege den theoretischen Teil unterrichten, übernehmen Peer-Tutorierende aus Medizin und Pflege die Durchführung des praktischen Unterrichts. So wird theoretisches Wissen direkt mit klinischen Fertigkeiten verknüpft.

An der ETH Zürich im Bachelorstudium Humanmedizin wird ein ähnliches Projekt mit Peer-Tutorierenden durchgeführt. Während bereits einige Literatur über das Konzept und die Anwendung von Peer-Tutoring veröffentlicht wurde, bleiben die Stimmen der Peer-Tutorierenden unzureichend vertreten. Deshalb bleibt die Frage, wie Peer-Tutorierende aus der Perspektive ihrer eigenen Erfahrungen ihre Aufgabe wahrnehmen, größtenteils unbeantwortet.

2. Prozessbeschreibung

In diesem Artikel beschreiben die vier Autor*innen ihre Erfahrungen als Peer-Tutorierende und reflektieren diese aus ihrer eigenen Perspektive.

2.1. Ausbildung der Peer-Tutorierenden

Um Peer-Tutorierende am BZ-Pflege sowie am Skills Lab der ETH Zürich zu werden, meldeten wir uns, drei Medizinstudierende und ein Pflegestudierender, auf eine Ausschreibung, welche sich an Studierende ab dem vierten Semester der jeweiligen Ausbildung richtete. Die Bewerbenden, welche zum ausgeschriebenen Profil passten, durchliefen danach ein strukturiertes Vorbereitungsprogramm, das folgende Elemente umfasste: Onlineerarbeitung der theoretischen Grundlagen bezüglich Handlungsabläufe, Indikationen sowie Kontraindikationen und Materialkenntnissen für das Legen eines PVK in Form eines Flipped Classroom. In einer nachfolgenden „on site“ Technikschulung wurden die theoretischen Grundlagen vertieft und die praktischen Fertigkeiten an Modellen geübt. Durch die technische Schulung wurde der Handlungsablauf vereinheitlicht, sodass der Unterricht den neusten Standards entspricht, damit Qualität und Sicherheit gewährleistet sind. Die Technikschulung bot uns zukünftigen Peer-Tutorierenden Rückhalt und Sicherheit. Abschliessend wurden in einer vierstündigen didaktischen Schulung Unterrichtsstile, Kommunikationsstrategien und Klassenraummanagement vermittelt. Diese widmete sich der Kommunikation und Verhalten während des Unterrichts, was uns Peer-Tutorierende auf die Durchführung des Unterrichts vorbereitete.

2.2. Durchführung des Unterrichts

Während des Unterrichts leiteten wir als Peer-Tutorierende-Gruppen von drei bis vier Studierenden an. Durch den vorangegangenen Theorieunterricht verfügen die Studierenden bereits über Vorwissen, das im praktischen Training des PVK-Legens vertieft wird. Die Vermittlung erfolgt nach der Vier-Schritt-Methode nach Peyton [6]. Diese strukturierte Vorgehensweise erleichtert das Verständnis komplexer Abläufe und fördert eine sichere und systematische Anwendung der Technik. Neben der Aktivierung des vorhandenen Wissens der Studierenden und der Vorstellung des Materials lag der Fokus auf der praktischen Einlage des PVKs. Ergänzend zeigten wir die Blutentnahme und das Spülen der Vene mit NaCl-Lösung an einem Modell, bevor die Studierenden die Einlage an Venenarmen und Venenmanschetten üben konnten. Bei ausreichendem Sicherheitsgefühl durften sie schliesslich freiwillig gegenseitig aneinander üben – jedoch ohne Blutentnahme oder venöses Spülen. Den gesamten praktischen Teil führten wir eigenständig durch, wobei eine Pflegefachperson bei Fragen oder Komplikationen unterstützend zur Verfügung stand. Im Falle eines Zwischenfalles waren wir durch die Institutionen versicherungstechnisch abgedeckt.

2.3. Verschiedene Lehrprogramme

Im BSc Humanmedizin der ETH Zürich ist das Peer-Tutoring im Skills Lab eingebettet und umfasst freiwillige Tutoriate zum Lernen praktischer Fähigkeiten. Die Auswahl der angebotenen Tutoriate – darunter PVK-Anlage, Blutentnahme, Injektionen, Ultraschall, Nähen, Wundversorgung sowie digitales Training in der Traumatologie – erfolgt mit dem Ziel, die Studierenden auf ihre zukünftige ärztliche Tätigkeit vorzubereiten. Am BZ-Pflege wird das Peer-Tutoring ähnlich eingesetzt: Die praktische Ausbildung in den Räumlichkeiten des LTT ist fester Bestandteil des Lehrprogramms und wird in verschiedenen Bereichen von Peer-Tutorierenden unterstützt.

2.4. Zusammentragung der Erfahrungen

Zu Beginn formulierten wir drei Leitfragen, um relevante Aspekte zu filtern und Erkenntnisse zu bündeln:

  • Was motiviert uns zur Lehrtätigkeit?
  • Welche Rahmenbedingungen sind für erfolgreichen Unterricht nötig?
  • Welche Strategien zur Verbesserung haben wir angewendet?

Zunächst verfasste jede*r einen individuellen Erfahrungsbericht. Für die weitere Analyse unserer Lehrtätigkeit war der gegenseitige Austausch zentral, weshalb wir die Erfahrungen anschliessend zusammenführten, und gemeinsame Erkenntnisse ableiteten.

3. Ergebnisse

3.1. Wissen teilen, Erfolg multiplizieren

Die Unterrichtsmethode Peer-Tutoring bietet nicht nur den Studierenden eine optimale Lernplattform, sondern gibt uns Peer-Tutorierenden die Möglichkeit, uns weiterzuentwickeln und das Lehren zu lernen. Im Gegensatz zur Pflegeausbildung, welches ein duales Studium ist, hatten wir drei Medizinstudierende im dritten Studienjahr selbst noch wenig Erfahrung im Legen eines PVK, als wir die Tutorenschulung am BZ-Pflege besuchten.

Bei unserem ersten Einsatz als Peer-Tutorierende war unser Erfahrungsschatz noch sehr klein. Deshalb war die Zusammenarbeit mit erfahrenen Peer-Tutorierenden äusserst hilfreich, da wir zu Beginn zurückhaltend agierten und auf Unterstützung angewiesen waren. Mit dem Peer-Tutoring erweiterten wir dadurch unsere Kompetenzen im Lehren bereits ab der ersten Stunde. Durch das schrittweise Vorzeigen des Ablaufs festigten wir unsere eigenen Fertigkeiten und Fähigkeiten. Regelmässige Unterrichtseinheiten ermöglichten uns, Wissen zu wiederholen und mehr Routine, Sicher und Selbstbewusstsein zu entwickeln. Die eigene Erfahrung und Vertrautheit mit den Abläufen verbesserten den Unterricht erheblich. Zu Beginn konnten wir beobachten, dass sich Unklarheiten sowie Fehler beim Vorzeigen auf die Studierenden übertrugen. Die daraus resultierenden Korrekturen erwiesen sich als äusserst aufwändig und schwierig, weswegen Ungenauigkeiten beim Vorzeigen unbedingt vermieden werden müssen. Zudem regten uns die Fragen der Studierenden fortwährend zum Nachdenken und Überdenken von Handlungen und Aussagen an. Diese Erfahrungen waren durchwegs motivierend und das Unterrichten bereitet uns grosse Freude. Durch die wiederholte Durchführung der Unterrichtseinheiten erweitern wir kontinuierlich unsere fachlichen und didaktischen Kompetenzen und gewinnen an Sicherheit. So gelingt es zunehmend, ein unterstützendes und lernförderliches Umfeld zu schaffen, Erkenntnisse praktisch anzuwenden und Wissen mit Freude weiterzugeben.

3.2. Kompetenzen für das Leben erweitern

Durch unsere Tätigkeit als Peer-Tutorierende können wir wichtige Erfahrungen und Fähigkeiten für das Leben gewinnen. Dazu gehören die intra- und interprofessionelle Zusammenarbeit sowie Zeitmanagement und Koordination einer Unterrichtslektion. Die genannten Fähigkeiten sind essenziell für einen erfolgreichen Unterricht. Eine Schwierigkeit in der intra- und interprofessionellen Zusammenarbeit ist, dass verschiedene didaktische Methoden und Erfahrungen vereint werden müssen. Dies bietet jedoch Möglichkeiten für neue Ideen, Methoden und spannende Gespräche. Die Peer-Tutorierenden profitieren untereinander, können Ideen austauschen und der Unterricht kann belebender gestaltet werden. Eine gute Kommunikation vor Kursbeginn ist essenziell, um Missverständnisse während des Unterrichts zu verhindern. Ein gutes Zeitmanagement und eine gelungene Koordination während des Kurses verhindern Stress und fördern ein entspanntes Lernumfeld. Die Selbstgestaltung des Unterrichts regt uns dazu an, die eigenen Kompetenzen zu nutzen und Ressourcen richtig einzusetzen. Eine gute Lernatmosphäre wird durch eine Optimierung der genannten Punkte geschaffen und verhilft so zu einem sicheren Lernumfeld für die Teilnehmenden. Zusätzlich werden unser Verantwortungsbewusstsein und die Fähigkeit, in einem geschützten Rahmen selbst Entscheidungen zu treffen, gefördert. Unsere Fähigkeiten in der Wissensvermittlung und Kommunikation können wir durch den Unterricht trainieren und verbessern. Durch das selbstständige Durchführen des Unterrichts übernehmen wir Verantwortung in unserem Denken und Handeln. Dies ist eine gute Vorbereitung für unseren späteren Berufsalltag. Denn als diplomierte Pflegefachpersonen sowie als Ärztinnen und Ärzte übernehmen wir tagtäglich Verantwortung, müssen wichtige Entscheidungen treffen und mit verschiedenen Berufsgruppen, Patienten und Angehörigen sprechen. Des Weiteren lernen wir, unser Handeln zu hinterfragen und zu begründen. Dies stärkt unsere Argumentationsfähigkeit im späteren Praxisalltag. Teilweise müssen wir Studierende korrigieren, um möglicherweise riskante Situationen zu vermeiden. Andererseits müssen wir begründen können, wann eine Intervention, welche die Studierenden verunsichern könnte, nicht notwendig ist. Dadurch werden Eigeninitiative und Führungsqualitäten gefördert. Des Weiteren werden wir zu problemlösendem Denken angeregt. Dies hilft im späteren Berufsalltag, Probleme besser aufzunehmen und eine zeitnahe, schnelle, effektive und zufriedenstellende Lösung zu finden. Durch das Peer-Tutoring werden nicht nur Kompetenzen für einen erfolgreichen Unterricht gefördert, sondern wir werden auch umfassend auf unsere zukünftige klinische Tätigkeit vorbereitet. Dieser Standpunkt wurde durch eine Studie untersucht, die bestätigte, dass das Peer-Tutoring die Fähigkeiten und das Wissen von Peer-Tutorierenden für die spätere Praxis verbessert [7].

3.3. Beziehung zu den Studierenden und Lehrpersonen

Unsere Erfahrungen sowie positive Rückmeldungen zeigen, dass Studierende die PVK-Kurse bei uns Peer-Tutorierenden mit Enthusiasmus besuchen. Obwohl einige Kursteilnehmende noch nie einen PVK in der Hand hielten, haben jeweils alle am Ende des Kurses den Ablauf verinnerlicht und erfolgreich einen PVK gelegt. Das begeistert nicht nur die Studierenden, sondern motiviert auch uns Peer-Tutorierende. Die Möglichkeit, dass Medizin-Tutorierende gemeinsam mit Pflege-Tutorierenden, Pflegestudierende ausbilden, fördert ausserdem die Beziehung zwischen zukünftigen Ärzt*innen und Pflegenden. Da wir alle noch im Studium sind, begegnen wir uns automatisch auf Augenhöhe. Dadurch entsteht ein angenehmes, fehlerzulassendes Lernklima, in dem nicht gewertet wird. Neben den verschiedenen Studiengängen sind die Gruppendynamiken und die Niveaus immer sehr unterschiedlich. Dadurch muss der Unterricht jeweils spontan an die gegenwärtigen Bedürfnisse angepasst werden. Zum Beispiel können Schwierigkeiten für Studierende mit Erfahrung eingebaut werden, um sie zu fordern und zu fördern, oder der Unterricht kann mit detaillierter Erklärung für Studierende mit wenig Erfahrung einfacher gehalten werden. Das Peer-Tutoring ermöglicht eine engmaschige Betreuung und bietet Raum, offene Fragen zu klären. Zum Rollenverständnis eines Peer-Tutorierenden gehört auch die Einsicht, dass gewisse Fragen den eigenen Wissensstand übersteigen. Anfangs war dies schwer zu akzeptieren, doch wir lernen durch die Fragen der Studierenden stetig dazu. Rückmeldungen zeigen, dass die Teilnehmenden im Unterricht motiviert sind und unsere Zeit schätzen – eine wichtige Bestätigung unserer Rolle und des Konzepts. Dank der grösseren Zahl an Tutorierenden ist eine individuellere Betreuung möglich, die besonders bei praktischen Lerneinheiten geschätzt wird. Dies steigert die Unterrichtsqualität und wird von Lehrpersonen als wertvolle Entlastung anerkannt. Wir hingegen lernen ebenfalls Wertschätzung gegenüber den Lehrpersonen. Da wir Teil der Unterrichtsplanung sind, erleben wir aus erster Hand den hohen Aufwand der Vorbereitung, Durchführung und Nachbereitung des PVK-Kurses. Dadurch erhalten wir eine andere Sichtweise auf das Studium und schätzen es viel mehr, dass wir solche Kurse und Vorlesungen besuchen dürfen.

3.4. Stetige Weiterentwicklung des Unterrichts

Als Peer-Tutorierende stellen wir uns ständig die Frage, wie wir uns und den Unterricht verbessern können. Am besten geschieht dies über Feedback von Studierenden und die Selbstreflexion, wobei die Selbstreflexion in unserer Erfahrung die wichtigere Rolle spielt. Denn es gibt uns die Chance, über alle Aspekte des Unterrichts nachzudenken und diese zu verbessern. Daher ist es für uns das wichtigste Werkzeug, um die Studierenden auf einem hohen Niveau ausbilden zu können. Zusätzlich hilft uns das direkte Feedback von Studierenden, Fehler zu korrigieren oder gelungene Elemente beizubehalten. Die Studierenden haben bisher meist sehr positives Feedback gegeben, was zu einer Stärkung unseres Selbstbewusstseins im Unterrichten und zur Bestätigung dieses Unterrichtsmodell beiträgt. Jedoch ist es vor allem zu Beginn wichtig, auf die Bedürfnisse der Studierenden zu hören und sie den Unterricht mitgestalten zu lassen. Daher teilen wir stets unsere neuen Erkenntnisse mit den anderen Peer-Tutorierenden und den Lehrpersonen und diskutieren miteinander die Umsetzung des Feedbacks und der Selbstreflexionen. Dies gibt uns die Möglichkeit, unsere Kompetenzen zu verbessern und den Unterricht an verschiedenste Erwartungen und Bedürfnisse anzupassen.

4. Diskussion

4.1. Anfängerfreundliches Unterrichten

Einer der wichtigsten Vorteile für uns als Peer-Tutorierende ist, dass wir uns selbst noch im Studium befinden und vor Kurzem an derselben Stelle standen wie die Studierenden. Dadurch kennen wir deren Wissensstand gut und können den Unterricht gezielt an ihr Niveau anpassen. Die Literatur bestätigt, dass Peer-Tutorierende besonders gut auf die Bedürfnisse der Lernenden eingehen können [8].

Wir Peer-Tutorierende haben die Fertigkeiten zum PVK-Legen erst vor Kurzem erlernt und erinnern uns besonders gut an die Anfangsschwierigkeiten. Dies befähigt uns, den Studierenden anfängerfreundliche und praxisnahe Tipps zu geben, die uns selbst geholfen haben. Diese Nähe zur eigenen Lernerfahrung fördert eine unterstützende Lernumgebung, wie auch Yu et al. in ihrer Meta-Analyse belegen [9]. Ausserdem wird unsere Autorität als Peer-Tutorierende oft als weniger hoch wahrgenommen, was die aktive Teilnahme der Studierenden und ihr offenes Fragenstellen erleichtert. Dieser Effekt wird durch Burgess et al. hervorgehoben, die zeigen, dass flache Hierarchien die Beteiligung und Motivation der Lernenden fördern [10].

Da der PVK-Kurs für viele die erste Möglichkeit bedeutet, einen PVK zu legen, stellt das Üben aneinander eine erhebliche Stresssituation dar. Dieser Stress wird häufig durch die Angst, etwas falsch zu machen, hervorgerufen. Diese Angst wird aufgrund der Tatsache, dass ein Fehler zu Schmerzen oder einer kleinen Blutung führen kann, verstärkt. Um insbesondere dem ersten Faktor entgegenzuwirken, ist es uns ein Anliegen, eine fehlerzulassende Atmosphäre zu schaffen, was wir aufgrund der oben genannten Gründe bisher auch gut umsetzen konnten. Ein weiterer Vorteil des Peer-Tutoring ist die Möglichkeit, sehr kleine Lerngruppen von maximal vier Studierenden zu bilden. Dadurch kann erstens viel individueller auf die einzelnen Bedürfnisse und Fragen eingegangen werden. Zweitens kann so beim Erlernen von praktischen Fertigkeiten viel mehr geübt und Abläufe verinnerlicht werden. Dies führt am Ende zu einem grösseren Lernerfolg und zu mehr Sicherheit der Studierenden.

4.2. Förderung der Lehrtätigkeit

Neben den zahlreichen Vorteilen, die das Peer-Tutoring den Studierenden bietet, trägt es auch zur Förderung der Lehrtätigkeit von jungen, unerfahrenen Erwachsenen bei. Durch das Unterrichten werden verschiedene, wichtige Kompetenzen für das spätere Berufsleben erlernt und gefördert. Ausserdem wird so motivierten jungen Erwachsenen die Möglichkeit gegeben, bereits in die Lehrtätigkeit einzusteigen und in einem geschützten Rahmen den Grundstein für eine allfällige spätere Lehrtätigkeit zu bilden. Wichtige Fähigkeiten, die im Rahmen des Tutorierens erlernt werden können, sind Sozial- und Unterrichtskompetenzen. Zu den Sozialkompetenzen gehören zum Beispiel das inter- und intraprofessionelle Zusammenarbeiten, das Eingehen auf Bedürfnisse und Fragen von Studierenden, Empathie gegenüber den Studierenden oder die Kommunikationsfähigkeiten während des Unterrichts. Die Unterrichtskompetenzen umfassen Fähigkeiten wie das Zeitmanagement, das Planen von Lektionen, die Gestaltung und das Vorzeigen der Unterrichtsinhalte. Vor allem in medizinischen Berufen sind diese Fähigkeiten wesentlich, da die Wissensvermittlung ein grosser Bestandteil unseres Alltags darstellen wird.

5. Schlussfolgerung

Peer-Tutoring ist eine effektive Lehrmethode, die sowohl den Tutorierenden als auch den Studierenden in der Gesundheitsausbildung erhebliche Vorteile bietet. Durch die eigenverantwortliche Anleitung und die intensive Auseinandersetzung mit praktischen Fertigkeiten wie dem Legen eines peripheren Venenkatheters erweitern Peer-Tutorierende ihre fachlichen, didaktischen und sozialen Kompetenzen. Die Studierenden profitieren von einer individuellen Betreuung und einem sicheren Lernumfeld, welches die Angst vor Fehlern reduziert und die aktive Teilnahme fördert. Darüber hinaus bereitet Peer-Tutoring die Teilnehmenden auf die Herausforderungen des Berufsalltags vor, indem es Verantwortungsbewusstsein, Kommunikationsfähigkeiten und die Fähigkeit zur Problemlösung stärkt. Damit stellt Peer-Tutoring eine wertvolle Ergänzung traditioneller Lehrmethoden dar und sollte in der Gesundheitsausbildung weiter gefördert und ausgebaut werden.

ORCIDs der Autor*innen

Danksagung

Wir danken Frau Dr. Claudia Schlegel, MME und Mirdita Useini, MME von der ETH Zürich für ihre Unterstützung bei der Durchführung des Peer-Tutoring-Unterrichtes.

Interessenkonflikt

Die Autor*innen erklären, dass sie keinen Interessenkonflikt im Zusammenhang mit diesem Artikel haben.


Literatur

[1] Büttner G, Warwas J, Adl-Amini K. Kooperatives Lernen und Peer Tutoring im inklusiven Unterricht. Z Inklusion. 2012;1.
[2] Schlegel C, Useini M. Peer teaching. Padua. 2023;15(5):258-260. DOI: 10.1024/1861-6186/a000765
[3] DelNero T, Vyas D. Peer Teaching in an Interprofessional Education Activity Focused on Professional Skills Development. Pharmacy (Basel). 2021;9(2):112. DOI: 10.3390/pharmacy9020112
[4] Mägi L, Uibu E, Moi AL, Mortensen M, Naustdal K, Polluste K, Lember M, Kangasniemi M. Collaborative learning linking nursing practice and education - Interview study with master’s students and teachers. Nurse Educ Today. 2024;139:106261. DOI: 10.1016/j.nedt.2024.106261
[5] Brem BG, Schaffner N, Schlegel CA, Fritschi V, Schnabel KP. The Conversion of a Peer Teaching Course in the Puncture of Peripheral Veins for Medical Students into an Interprofessional Course. GMS J Med Educ. 2016;33(2):Doc21. DOI: 10.3205/zma001020
[6] Münster T, Stosch C, Hindrichs N, Franklin J, Matthes J. Peyton's 4-Steps-Approach in comparison: Medium-term effects on learning external chest compression – a pilot study. GMS J Med Educ. 2016;33(4):Doc60. DOI: 10.3205/zma001059
[7] Secomb J. A systematic review of peer teaching and learning in clinical education. J Clin Nurs. 2008;17(6):703-716. DOI: 10.1111/j.1365-2702.2007.01954.x
[8] Lockspeiser TM, O'Sullivan P, Teherani A, Muller J. Understanding the experience of being taught by peers the value of social and cognitive congruence. Adv Health Sci Educ Theory Pract. 2008;13(3):361-372. DOI: 10.1007/s10459-006-9049-8
[9] Yu TC, Wilson NC, Singh PP, Lemanu DP, Hawken SJ, Hill AG. Medical students-as-teachers: a systematic review of peer-assisted teaching during medical school. Adv Med Educ Pract. 2011;2:157-172. DOI: 10.2147/AMEP.S14383
[10] Burgess A, McGregor D, Mellis C. Medical students as peer tutors: a systematic review. BMC Med Educ. 2014;14:115. DOI: 10.1186/1472-6920-14-115