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GMS German Medical Science – an Interdisciplinary Journal

Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF)

ISSN 1612-3174


Dies ist die deutsche Version des Artikels. Die englische Version finden Sie hier.
Übersichtsarbeit
Gesundheitssystemforschung

Ein Plädoyer zur Einführung der ICD-11 in Deutschland

 Jürgen Stausberg 1
Rolf Bartkowski 2
Wolfgang Gaebel 3
Rolf-Detlef Treede 4

1 Institut für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie, Universitätsklinikum Essen, Universität Duisburg-Essen, Deutschland
2 Med-I-Class GmbH, Berlin, Deutschland
3 WHO Collaborating Centre DEU-131, LVR-Klinikum Düsseldorf, Kliniken der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, Deutschland
4 Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) e.V., Berlin, Deutschland

Zusammenfassung

Seit Verabschiedung durch die World Health Assembly im Jahre 2019 steht mit der 11. Revision der Internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme (ICD-11) die Ablösung der ICD-10 fest. Eine weitere Pflege der alten Revision erfolgt durch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) nicht mehr. In Deutschland befasst sich das Kuratorium für Fragen der Kodiersysteme im Gesundheitswesen (KKG) als Beratungsgremium des Bundesministeriums für Gesundheit seit 2013 mit der ICD-11. Mit diesem Beitrag plädieren Vertreter der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) in der Arbeitsgruppe ICD-11 des KKG für eine sorgfältige und gut geplante, aber zeitnahe Umstellung. Die Umstellung von der ICD-10 auf die ICD-11 sichert die korrekte Abbildung des medizinischen Fortschritts in den kodierten Diagnosen und hebt die mit der Digitalisierung im Gesundheitswesen verbundenen Chancen für Versorgung und Wissenschaft. Bei dieser Umstellung sollte konsequent das Ziel einer einmaligen Dokumentation medizinischer Sachverhalte bei mehrfacher Nutzung sowohl für Versorgung und Forschung als auch für Abrechnung und Gestaltung des Gesundheitswesens angestrebt werden. Für Übergangszeiten mit paralleler Unterstützung von ICD-10 und ICD-11 sowie für die Bedienung weiterer Regelungsbereiche – z.B. mit SNOMED CT – bedingt dies einen einmaligen Kodiervorgang in unterschiedliche Kodiersysteme. Hierzu bietet insbesondere der Einsatz generativer Künstlicher Intelligenz ein hohes Potential. Auch wenn die Abschätzung des Zeitbedarfs für Änderungen im deutschen Gesundheitssystem immer mit großen Unsicherheiten behaftet ist, sollte diese Umstellung innerhalb der nächsten 5 Jahre möglich sein. Mit dann 13 Jahren ohne fachliche Pflege durch die WHO hätte die ICD-10 auch längst Anschluss an den medizinischen State of the Art verloren.


Schlüsselwörter

Deutschland, Diagnosen, ICD-10, ICD-11, Klassifikationen, Statistik

1 Hintergrund

Das Kuratorium für Fragen der Kodiersysteme im Gesundheitswesen (KKG) befasst sich als Beratungsgremium des Bundesministeriums für Gesundheit (BMG) mit der Weiterentwicklung von Kodiersystemen für das Gesundheitswesen in Deutschland. Dazu unterhält es Arbeitsgruppen zu ICD-10-GM und OPS. Für die Medizin benennt die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) drei Mitglieder und jeweils zwei Stellvertretende für das KKG. Der Vorsitz des KKG liegt derzeit bei der AWMF; Deutsche Krankenhausgesellschaft, GKV-Spitzenverband und Kassenärztliche Bundesvereinigung stellen jeweils stellvertretende Vorsitzende.

Das KKG berät die Bundesregierung auch bezüglich der nationalen Positionierung zu internationalen Entwicklungen. Vor diesem Hintergrund befasst sich das KKG seit 2013 intensiv mit der neuen, 11. Revision der Internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme (ICD-11) [27]. Unter Beteiligung der AWMF wurde 2017 durch das KKG eine dedizierte Arbeitsgruppe (AG) ICD-11 etabliert. Am 28. und 29. Januar 2026 hat die AG ICD-11 in einem zweitägigen Workshop Möglichkeiten der Einführung von SNOMED CT und ICD-11 in Deutschland diskutiert. Aus diesem Anlass möchten KKG-Mitglieder der AWMF den Stand und ihre Einschätzungen zur Einführung der ICD-11 zusammenfassen.

Die ICD-11 wurde von der World Health Assembly (WHA) der Weltgesundheitsorganisation (WHO) 2019 verabschiedet [9]. In Kraft getreten ist die ICD-11 am 1.1.2022; der Einsatz der ICD-11 für statistische Auswertungen zu Mortalität und Morbidität wurde mit einer mindestens fünfjährigen Übergangszeit versehen. Für diese Zwecke hat die WHO eine Teilmenge der ICD-11 als ICD-11 for Mortality and Morbidity Statistics (ICD-11-MMS) veröffentlicht. Die vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) vorbereitete, aber noch nicht amtliche deutsche Übersetzung der ICD-11-MMS (s. [3]) ist seit Januar 2026 auch auf der WHO-Webseite inkl. einer Suchfunktion benutzbar, die das alphabetische Verzeichnis ersetzt [30].

Die einzige Alternative zur Einführung der ICD-11-MMS in Deutschland wäre die unbefristete Fortführung der nationalen Modifikation der vorherigen Version (ICD-10-GM). Diese Alternative halten die AWMF-Mitglieder im KKG aus folgenden Gründen nicht für sinnvoll. Die ICD-11-MMS spiegelt den aktuellsten Stand des medizinischen Wissens wider. Dieser wurde in einem umfangreichen Entwicklungsprozess mit umfassender Beteiligung von medizinischen Expertinnen und Experten erarbeitet – auch aus Deutschland [2]. Verzögerungen bei der Umstellung auf die ICD-11 führen zudem zu einer Ausgrenzung Deutschlands von Initiativen zur Harmonisierung auf europäischer und weltweiter Ebene. Die ICD-10 ist spätestens seit Einstellung ihrer Pflege durch die WHO fachlich abgehängt. Die Einträge bei der ICD-10 entsprechen weder dem aktuellen Wissen zu Erkrankungen, noch bilden sie die Indikationen des aktuellen Spektrums medizinischen Maßnahmen angemessen ab. Anpassungen der ICD-10-GM an nationale Gegebenheiten können dies nicht ausgleichen. Auch in Deutschland wurde bereits auf ein dreijähriges Intervall der bisher jährlichen Überarbeitung umgestellt.

Die aktuellen Reformen des deutschen Gesundheitssystems (u.a. Krankenhausreform, elektronische Patientenakte, Primärversorgungssystem) sind ein idealer Anlass für die zügige Einführung der ICD-11-MMS. Bei Einführung zum 1.1.2027 wären seit Start ihrer Entwicklung im Jahre 2007 auch bereits 20 Jahre vergangen [17] – ein Zeitraum der den Längen bei Entwicklung und Umsetzung der ICD-10 entsprechen würde (s. Abbildung 1 [Abb. 1]) [12], [13]. Für Deutschland ist momentan jedoch noch kein konkreter Zeitpunkt für eine Einführung der ICD-11-MMS festgelegt, weder für eine Nutzung zur Kodierung von Todesursachen noch für eine Ablösung der ICD-10-GM im Bereich der Sozialgesetzbücher.

Abbildung 1: Historie der ICD-11

2 Kodierung von Diagnosen mit der ICD-11-MMS

Bei der ICD-11-MMS fallen sowohl Ähnlichkeiten als auch Unterschiede zur ICD-10 auf. Dies sollen drei Beispiele mit zunehmender Komplexität belegen. In Tabelle 1 [Tab. 1] ist die Kodierung der Diagnose „Appendizitis“ dargestellt. Hier ändern sich nur Format und Aufbau des Kodes. Die ICD-11 erlaubt in der MMS bis zu 6 Stellen. Für die Nutzung der ICD-11 ist daher eine Auseinandersetzung mit ihrer Struktur und den formalen Änderungen erforderlich, zumindest bei Wunsch nach Verständnis der Kodes. Dies erfordert Schulungs- und Fortbildungsangebote. Die Möglichkeit zur Kodierung von Diagnosen mit fehlenden – und möglicherweise auch unzureichenden – Informationen bleibt auch bei der ICD-11-MMS bestehen.

Tabelle 1: Kodierung der Diagnose „Appendizitis“

Bei Kodierung der beidseitigen diabetischen Retinopathie fallen hingegen weitergehende Unterschiede auf (s. Tabelle 2 [Tab. 2]). So wird die Möglichkeit zur Kombination von Kodes für die Kodierung komplexer Diagnosen nicht mehr nur als Ausnahme (Kreuz-Stern-System der ICD-10), sondern als durchgehendes Prinzip angeboten, dem sogenannten Cluster Coding. Hierfür sieht die WHO ein Format zur Verkettung von Kodes vor: Stammkodes werden durch einen Schrägstrich („/“) verbunden, Zusatzkodes an den entsprechenden Stammkode mit einem Et-Zeichen („&“) angehängt. Zudem sind Zusatzkodes durch ein führendes „X“ zu erkennen. In Deutschland zusätzlich definierte Angaben wie die Seitenlokalisation wurden in die ICD-11-MMS integriert.

Tabelle 2: Kodierung der Diagnose „Beidseitige diabetische Retinopathie“

Das dritte Beispiel soll die nahezu grenzenlosen Möglichkeiten der ICD-11-MMS zur Abbildung komplexester Sachverhalte – auch jenseits medizinischer Diagnosen – darstellen. Aus diesen Möglichkeiten ergibt sich aber auch die Notwendigkeit von eindeutigen und nachvollziehbaren Verfahrensregelungen, wie sie die WHO in ihrem Coding Tool zur ICD-11-MMS festschreibt (s. [30]), um eine einheitliche und den Zwecken angemessene Kodierung sicherzustellen. In diesem Beispiel handelt es sich um die „C6/C7 Zerreißungsfraktur nach Sturz im Pflegeheim“ (s. Tabelle 3 [Tab. 3]). Bei der ICD-11-MMS können auch die Umstände dieser Verletzung abgebildet werden, und zwar so, dass nach diesen Umständen bei statistischen Auswertungen recherchiert werden kann. Allerdings lässt sich weder in der ICD-10-GM noch in der ICD-11-MMS die Zerreißung explizit abbilden, auch wäre die Abgrenzung der Zerreißung von einer Schädigung des Bandapparats und der Bandscheibe zu diskutieren. Auch bei der ICD-11-MMS besteht somit Bedarf an einem Schließen von Lücken. Die Länge der Kodesequenz mag auf den ersten Blick abschreckend wirken. Es ist aber davon auszugehen, dass bei Einführung der ICD-11 die Kodierung grundsätzlich mit Software-Unterstützung erfolgt, so dass ein Erlernen der Kodes entfällt. Auch fordert die ICD-11-MMS die hier dargestellte Detailtiefe von Erkrankungsbezeichnungen nicht. Ebenso wie die ICD-10-GM bietet die ICD-11-MMS systematisch eine Kodiermöglichkeit für jeden gegebenen Informationsumfang durch die Bereitstellung spezifischer Klassen mit der Kennzeichnung „nicht näher bezeichnet“ an.

Tabelle 3: Kodierung einer „C6/C7 Zerreißungsfraktur nach Sturz im Pflegeheim“

Eine weitere, für Deutschland wichtige Neuerung bei der ICD-11-MMS betrifft Möglichkeiten zur Ergänzung von „Diagnosis Code Descriptors“ wie der Diagnosesicherheit, Schweregrad, Typen von Entlassungsdiagnosen oder Zeitbezügen.

3 Schritte zu einem Einführungskonzept

Vorarbeiten

Bereits vor der Abstimmung in der WHA 2019 hatte die AG ICD-11 des KKG Feldtests mit der Betaversion der ICD-11-MMS unter Beteiligung zahlreicher Mitgliedsgesellschaften der AWMF durchgeführt [27]. Dabei wurden 8 Gütekriterien untersucht: Angemessenheit, Vollständigkeit, Konsistenz, Abweichungen zur ICD-10-GM, Praxistauglichkeit, Reliabilität, Spezifität und Anwendbarkeit. Kodierendes Personal sah in einer Befragung Vorteile der ICD-11-MMS gegenüber der ICD-10-GM bei Vollständigkeit und Praktikabilität, Probleme hingegen in einem – ohne Nutzung von Zusatzkodes – zu geringen Detaillierungsgrad [25]. Mit Unterstützung durch das BMG wurden dann von Dezember 2019 bis Juni 2020 Workshops zu Umstiegsanalysen in vier Bereichen durchgeführt: psychische Störungen, Schmerz, vertragsärztliche Nutzung sowie medizinische Register. Die Umstiegsanalysen erlaubten eine erste Abschätzung des Aufwands für Vorlauf, Umsetzung und Nachlauf. Eine erweiterte Analyse wurde für die Schweiz durchgeführt [11]. In Frankreich laufen Kodierungsstudien [6]. Malaysia hat 2025 umgestellt [20]. In Kanada laufen Vorarbeiten [19]. Schweden hat einen Zeitplan zur Umstellung beschlossen (s. [24]).

Motivation

Auf dem Workshop der AG ICD-11 am 26. und 27. Februar 2026 wurden die Möglichkeiten zur Einführung der ICD-11-MMS in Deutschland insbesondere mit Blick auf den Einsatz von SNOMED CT als Terminologie bei der elektronischen Patientenakte nach § 355 SGB V diskutiert. Hierbei scheiden aus Sicht der Autoren zwei Varianten aus. Eine doppelte Kodierung von Diagnosen durch Ärztinnen und Ärzte oder Kodierfachkräfte in ICD-11-MMS und SNOMED CT ist nicht praktikabel. Die hierfür erforderlichen Ressourcen stehen nicht zur Verfügung; Akzeptanz ist für dieses Vorgehen nicht zu erwarten. Auch die Ableitung eines Kodiersystems aus dem jeweils anderen ist für Diagnosen sowohl angesichts ihrer unterschiedlichen Konzepte [23] als auch auf Grund methodischer Erwägungen [16] nicht sinnvoll.

Mehrfache Nutzung von Diagnoseangaben

Schon beim Umstieg von ICD-9 auf ICD-10 wurde hingegen eine Anwendungszweck-abhängige Kodierung auf Basis einer einheitlichen Repräsentation gesundheitsbezogener Sachverhalte vorgeschlagen (s. Abbildung 2 [Abb. 2]) [1]. Gesundheitsbezogene Sachverhalte werden dabei unter Einbezug der wesentlichen Anforderungen – von Gedächtnisstütze und Kommunikationshilfe bis hin zu Abrechnung, Qualitätssicherung (QS) und Versorgungsforschung – einmalig in der medizinischen Dokumentation erfasst und dann für verschiedene Anwendungszwecke in die jeweils geforderten Kodiersysteme unter Nutzung von anspruchsvollen Kodierkomponenten überführt. Auch das Prinzip der mehrfachen Verwendung von Daten ist nicht neu [18]. Selbstverständlich sollten dabei möglichst viele Anwendungszwecke mit möglichst wenigen Kodiersystemen kombiniert werden. Aus Sicht der Gesundheitsforschung sind die Kodiersysteme jedoch nicht notwendigerweise auf SNOMED CT und ICD-11-MMS beschränkt.

Abbildung 2: Mehrfache Nutzung einer medizinischen Dokumentation

Zur Umsetzung des Prinzips document once – use many – code many ist wie beschrieben eine einheitliche Repräsentation gesundheitsbezogener Sachverhalte in der medizinischen Dokumentation unerlässlich. Zumindest müssen alle zur Unterstützung der Anwendungszwecke benötigten Informationen verfügbar sein (z.B. der Befund abdomineller Schmerzen bei Angaben über einen Notfall) und den erforderlichen Detaillierungsgrad erreichen (z.B. Angaben zur exakten Lokalisation abdomineller Schmerzen). Nur dann kann die medizinische Dokumentation Zwecke jenseits einer individuellen Gedächtnisstütze unterstützen wie bei einer Diagnosestellung bei akutem Abdomen [8].

Die Anforderungen an dieses Prinzip vereinfachen sich jedoch bei Diagnosen (s. Abbildung 3 [Abb. 3]).

Abbildung 3: Ableitung verschiedener Kodiersysteme aus der Diagnosedokumentation

Diagnosen werden voraussichtlich auch weiterhin natürlichsprachig formuliert, so dass die freitextliche Beschreibung von Sachverhalten Ausgangspunkt für den Kodiervorgang darstellt. Besteht für die Kodierkomponenten Zugriff auf Inhalte elektronischer Akten, können die dort verfügbaren Informationen sowohl zur Ergänzung, Konkretisierung und Validierung freitextlich formulierter Diagnosen als auch zur automatisierten Ableitung („derive once“) von Diagnosen genutzt werden. Die gleichzeitige Kodierung der Diagnoseangaben in mehrere Kodiersysteme kann dann durch Methoden der künstlichen Intelligenz (KI), insbesondere unter Einsatz großer Sprachmodelle (Large Language Models, LLMs) unterstützt werden. Allerdings setzt die ICD-11-MMS selbst Bedingungen, die neben den Anforderungen aus den Anwendungszwecken bei der Formulierung von Diagnosen zu beachten sind [28]. Diese Bedingungen sind von den IT-Systemen in Krankenhäusern und Arztpraxen in Form einer transparenten Unterstützung des Dokumentationsprozesses einzubinden. Beim Einsatz generativer KI sind Vorkehrungen gegen Verzerrungen der Kodierergebnisse insbesondere in Bezug auf Diversität, Gleichheit und Inklusion (englisch Diversity, Equity, and Inclusion) zu treffen, wie es auch gilt, falsche Ergebnisse durch Fabulieren der KI zu unterbinden.

Voraussetzungen

Mit Blick auf das derzeitige Angebot der WHO zur Nutzung der ICD-11-MMS sind für eine Umsetzung dieses Prinzips zwei Bedingungen festzuhalten. Die Hoheit über freitextliche Angaben einer Diagnose, über die Inhalte einer ggf. zugreifbaren elektronischen Akte sowie über das von Kodierkomponenten vorgeschlagene Ergebnis einer Kodierung in ICD-11-MMS und SNOMED CT muss bei der für die Dokumentation verantwortlichen Einrichtung liegen. Zentrale und nicht komplett nachvollziehbare Systeme können daher nur Referenzcharakter haben; das konkrete Angebot für digitale Lösungen zur Unterstützung des Prinzips use many – code many sollte in einem Wettbewerb interoperabler Komponenten liegen, bei denen die Einhaltung wichtiger Qualitätskriterien durch eine Zertifizierung oder vergleichbare Verfahren sichergestellt wird. Dabei sollte auch die Kompatibilität der Datenformate sichergestellt werden.

Eine wettbewerbliche Infrastruktur von Kodierkomponenten setzt die uneingeschränkte Bereitstellung aller Materialien durch die zuständigen Stellen voraus, auch als sogenanntes „Computable Knowledge“ [5]. Dies betrifft sowohl die WHO für eine Referenzfassung der ICD-11-MMS als auch das BfArM für eine eventuelle nationale Anpassung. Nur bei Bereitstellung aller Materialien können Dritte Lösungen entwickeln, die unabhängig von der derzeit durch die WHO angebotenen Programmierschnittstelle (ICD-API) funktionieren. Vorbild kann hierbei das Angebot des BfArM für ICD-10 und OPS sein. Dies umfasst sowohl eine systematische Darstellung der Klassifikationen als PDF-Datei, wie auch eine niedrigschwellige Listung der Inhalte zur automatisierten Weiterverarbeitung (sogenannte Metadaten) und eine umfassende Repräsentation aller Inhalte mit der Classification Markup Language (ClaML) als Ausgangspunkt für wettbewerbliche Kodierkomponenten. Dieser Umfang an Materialien wäre allerdings für die ICD-11-MMS zu erweitern, ohne dass an dieser Stelle auf alle Aspekte eingegangen werden kann (z.B. in Bezug auf die „WHO-FIC Foundation“, s. [29]). Aus Sicht der Autoren kann der Weg zum richtigen Kodierergebnis – z.B. die Auswahlliste zu einem gegebenen Diagnosentext – nicht Gegenstand von verpflichtenden Festlegungen sein. Effizienz, Methoden und Vorgehen zur Ermittlung des korrekten Ergebnisses einer Diagnosekodierung wären sowohl bei ICD-11-MMS als auch bei SNOMED CT den eingesetzten Kodierkomponenten überlassen, so wie jetzt bei der ICD-10-GM.

Mit Blick auf die Resilienz unsere Gesundheitssystems sollte eine Kodierung von Diagnosen auch bei Ausfall zentraler Referenzinstitutionen möglich sein. Sowohl in der täglichen Routine als auch im Krisenfalle ist die Klassifikation von Diagnosen für Abläufe und Abstimmungsprozesse der individuellen Versorgung wie auch zur Triage und Ressourcenallokation auf Systemebene zu elementar, um von einer durchgehenden Verfügbarkeit der Ressourcen von WHO, BfArM oder SNOMED International abhängig zu sein. Für die komplexe Übergangsphase von der ICD-10 zur ICD-11-MMS sind allerdings in jedem Falle Vorkehrungen für mögliche Ausfälle und Störungen zu treffen.

Nationale Anpassungen der ICD-11-MMS

Die Vermeidung nationaler und mit der Fassung der WHO inkompatibler Ableitungen zur ICD war ein Ziel bei der Entwicklung der ICD-11. Ein Beitrag hierzu war die Definition von Linearizations, die Teile der umfassenden Foundation für bestimmte Anwendungszwecke zusammenfassen. Beispiele hierfür sind die ICD-11-MMS sowie eine mögliche ICD-11 für Primary Care (ICD-11-PHC). Die Nutzung einer gemeinsamen Grundlage zur Ausprägung anwendungsbezogener Ausschnitte stellt dabei die Kompatibilität kodierter Daten sicher, auch wenn bei einer Zusammenführung immer die jeweils abstraktere Ebene herangezogen werden müsste. Es bleibt aber die Herausforderung, nationale, administrative Gegebenheiten jenseits der Festlegung medizinischer Sachverhalte abzubilden. Der hierzu mit der ICD-10-GM beschrittene Weg einer insbesondere auf Abrechnungszwecke optimierten Fassung muss daher für die ICD-11 hinterfragt werden. Entsprechende nationale Anpassungen würden die Anforderungen einer internationalen Harmonisierung verkennen, insbesondere auf europäischer Ebene mit dem European Health Data Space (EHDS) [22]. Mit der 11. Revision verbundene Chancen zur Nutzung der ICD in multinationalen Forschungsprojekte blieben durch Mappingprobleme zwischen möglicherweise inkompatiblen, nationalen Fassungen ungenutzt. Zudem ist bei nationalen Erweiterungen stets auf die jeweilige Abwärtskompatibilität zu achten. Die Einführung der ICD-11-MMS sollte daher von einem Umdenken bezüglich nationaler Anpassungen verbunden sein. Während die ICD-10-GM – auch auf Grund von Beschränkungen in Konzeption und Struktur – von der Selbstverwaltung als Modelliermasse zur möglichst einfachen Umsetzung insbesondere abrechnungstechnischer Aspekte betrachtet wurde, sollten Tiefe und Umfang der ICD-11 eine so präzise Abbildung von Diagnosen ermöglichen, dass sich abrechnungstechnische Aspekte an den vorhandenen Einträgen orientieren. Mit dem Sachverhalt einer medizinischen Diagnose nicht verbundene Angaben sind dann außerhalb einer ICD-11-MMS zu regeln. Der Umfang von Routinedaten wäre für Aspekte wie externe Qualitätssicherung, Gesundheitsberichterstattung und Versorgungsforschung entsprechend zu erweitern.

4 Diskussion und Ausblick

Der von den medizinisch-wissenschaftlichen Fachgesellschaften vertretene Bereich gesundheitsbezogener Forschung ist auf eine internationale Klassifikation für Erkrankungen angewiesen, die den Stand der Wissenschaft abbildet. Ein Festhalten an einer veralteten und nicht mehr gepflegten ICD-10 ist daher für von der AWMF entsandte Mitglieder der AG ICD-11 des KKG keine Option. Dies ist für die fast vollständig auf ICD-kodierten Daten beruhende Qualitätssicherung und Versorgungsforschung zu Krebserkrankungen offensichtlich [31]. Auch die Internationale Klassifikation der Krankheiten für die Onkologie (ICD-O) ist dabei, den Übergang zur ICD-11 nachzuvollziehen. Die Sekundärnutzung von Gesundheitsdaten im EHDS kann bei Übergang auf die ICD-11 mit zuverlässigeren und detailreicheren Daten rechnen, die durch die neuen Möglichkeiten zur Kombination von Stamm- und Zusatzkodes sinnvollere Zusammenhänge abbilden und neue Möglichkeiten des Retrievals bieten. Auch klinische Studien profitieren, z.B. über eine zeitgemäße Repräsentation von Diagnosen, die als Ein- und Ausschlusskriterien zur Rekrutierung hohe Bedeutung haben [10].

Eine Ablösung von ICD-10 und ICD-10-GM ist aber auch zur Erfüllung der Aufgaben der Sozialgesetzbücher zwingend. So lässt sich die Aufgabe, „Gesundheit der Versicherten zu erhalten, wiederherzustellen oder ihren Gesundheitszustand zu bessern“ im SGB V von den Einrichtungen der Selbstverwaltung kaum auf Grundlage von Angaben zu Diagnosen erfüllen, die medizinisch nicht dem Stand des Wissens entsprechen. Eine Petition an den deutschen Bundestag unterstreicht die Bedeutung eines Umstiegs aus Sicht von Patientinnen und Patienten [21]. Unmittelbare Vorteile durch Umstellung auf die ICD-11-MMS ergäben sich überall dort, wo Diagnosekodes einen wichtigen Beitrag zur Kommunikation und Versorgungsgestaltung leisten. Dies betrifft u.a. die Verordnung von Krankenhausbehandlung mit Kodierung von Diagnosen gemäß § 295 SGB V, die Auswahl eines Krankenhauses unter Zuhilfenahme der Qualitätsberichte nach § 136 SGB V mit Leistungszahlen für Diagnosekodes oder die Nutzung von Diagnosekodes in Epikrisen zur eindeutigen und unmissverständlichen Referenzierung freitextlicher Erkrankungsbeschreibungen. Bei einer automatisierten Prüfung der Arzneimitteltherapiesicherheit (AMTS) durch Abgleich ICD-kodierten Diagnose- und Allergieinformationen mit Indikationen, Kontraindikationen und Angaben zu Wechselwirkungen aus Fachinformationen im Rahmen elektronische Verordnungssysteme (englisch Computerized Physician Order Entry) nach § 342 SGB V gewinnt die Kodierung von Diagnosen lebensrettende Bedeutung.

Die für eine Übergangsphase denkbare Bedienung der ICD-10-GM als ein Kodiersystem neben ICD-11-MMS und SNOMED CT ändert an dessen fundamentaler Veralterung nicht. Von der Diagnosekodierung abhängige Systeme wie die Qualitätssicherung nach § 137 SGB V, die Definition der aG-DRG oder der Risikostrukturausgleich sollten daher nach einer möglichst kurzen Frist in die ICD-11-MMS überführt werden. Anderenfalls verfehlen diese Systeme die mit ihnen verbundenen Ziele. Allerhöchsten für einen kurzen Zeitraum könnten die Kodes der ICD-10-GM aus den ICD-11-Daten automatisiert ermittelt werden (s. Abbildung 4 [Abb. 4]). Für ein Mapping zwischen ICD-10-GM und ICD-11-MMS im Kontext der Systeme sind verschiedene Optionen denkbar [26].

Abbildung 4: Document once – code once – use many mit möglichen Anwendungsszenarien

Die ICD-11-MMS verbessert die Abbildung von Diagnosen über eine Klassifikation. Als Bestandteil eines zunehmend digital unterstützten Gesundheitssystems sind mit ihrem Einsatz keine neuen bürokratischen Anforderungen über die Einführungsphase hinaus verbunden [14]. Die Einführung der ICD-11-MMS sollte daher ohne die Festlegung zusätzlicher Regularien erfolgen. Bestehende Anwendungsszenarien von ICD-10 und ICD-10-GM können uneingeschränkt mit der ICD-11-MMS fortgesetzt werden, ohne dass zusätzliche Vorgaben erforderlich wären. Die Einführung der ICD-11-MMS sollte daher aus Sicht der Autoren nicht mit zusätzlichen Umstellungen verbunden sein, weder für die in den Kodierprozess unmittelbar einbezogene Personen noch für Nutzer der kodierten Diagnosen. Die Qualität der Kodierung kann bei der ICD-11 mit den gleichen Verfahren sichergestellt werden, die bereits bei der ICD-10 zum Einsatz kommen. So komplex die ICD-11 auf den ersten Blick auch scheint, ihre Einführung sollte schlank und aufwandsarm für die Gesundheitsberufe gestaltet werden [11]. Das BfArM selbst hat unabhängig von einzelnen Kodiersystemen ein Positionspapier zu einer Semantikstrategie für das deutsche Gesundheitswesen vorgelegt [4].

Bei der Diskussion um ICD-10, ICD-11 und SNOMED CT sollte die zentrale Rolle der Diagnose (und der medizinischen Dokumentation) für den medizinischen Behandlungsprozess nicht vergessen werden. Als Arbeitsdiagnose [7], [15] ist sie das Ergebnis eines ärztlichen Erkenntnisprozesses und leitend für die Festlegung eines Behandlungsplanes. Schon jetzt ist hierbei eine Prägung durch die ICD-10 wahrscheinlich. Umso wichtiger ist es, sich inhaltlich mit der ICD-11 auseinanderzusetzen und ihre Einführung praxisgerecht auszugestalten. U.a. zählen hierzu die Identifizierung von fachlichen Erweiterungen der ICD-10-GM, die in der ICD-11-MMS noch fehlen, oder Inhalten der ICD-11-MMS, die für Zwecke des SGB V nicht erforderlich sind. Dem Ziel einer sowohl praxistauglichen als auch die Herausforderungen eines digitalen Gesundheitswesens adressierenden ICD fühlen sich die Autoren als Mitglieder der AG ICD-11 des KKG verpflichtet.

Anmerkungen

Interessenskonflikte

Die Autorinnen und Autoren erklären, dass sie keine Interessenkonflikte in Zusammenhang mit diesem Artikel haben.


Literatur

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