[Vom Engpass zur Effizienz: Handlungsfelder zur Verbesserung des Entlassmanagements in der Gesundheitsversorgung – eine qualitative Studie]
Jann Niklas Vogel 1Hanna Hilgenhof 1
Ivonne Honekamp 2
Chiara Kleinschmidt 2
Anne Petereit 2
Valerie Bühler 2
Stefan Schmidt 1
1 Hochschule Neubrandenburg, Fachbereich Gesundheit, Pflege, Management, Neubrandenburg, Deutschland
2 Hochschule Stralsund, Fakultät für Wirtschaft, Stralsund, Deutschland
Zusammenfassung
Hintergrund: In Mecklenburg-Vorpommern bestehen Runde Tische, an denen Akteur*innen des Gesundheitswesens multidisziplinär zusammenkommen, um halbjährlich gemeinsame Lösungsansätze für regionale Versorgungsprobleme zu entwickeln und deren Umsetzung zu begleiten. Gerade in einem Flächenland mit geringer Bevölkerungsdichte und spezifischen Versorgungsherausforderungen kommt diesen Strukturen eine zentrale Rolle für die Weiterentwicklung des Entlassmanagements zu. Vor diesem Hintergrund untersucht der Beitrag, welche Handlungsfelder für eine Verbesserung des Entlassmanagements in ländlichen Regionen Mecklenburg-Vorpommerns relevant sind, und zielt darauf ab, zentrale Herausforderungen, Zielsetzungen und Maßnahmen zu priorisieren, um eine effizientere und stärker patient*innenzentrierte Versorgung nach dem Krankenhausaufenthalt zu fördern.
Methodik: Es wurden leitfadenbasierte Gruppendiskussionen an den Runden Tischen in Demmin, Pasewalk, Parchim und Ueckermünde durchgeführt, welche inhaltsanalytisch ausgewertet wurden. Zur Priorisierung zentraler Themen und Maßnahmen wurde die Strukturlegetechnik eingesetzt, ein dialogkonsensbasiertes Verfahren zur Rekonstruktion subjektiver Theorien.
Ergebnisse: In vier Fokusgruppendiskussionen mit insgesamt 30 Teilnehmenden wurden vor allem drei Handlungsfelder betont: der Ausbau von Netzwerken und verbindlichen Koordinationsstrukturen, der Einsatz digitaler Instrumente (z.B. Portale, Telemedizin) sowie passgenaue Unterstützungsangebote für vulnerable Gruppen. Ergänzend wurden Prävention, Aufklärung, Bürgerbeteiligung und Öffentlichkeitsarbeit als zentrale Querschnittsaufgaben hervorgehoben.
Diskussion & Schlussfolgerung: Für eine nachhaltige Gesundheitsversorgung in ländlichen Regionen sind stabile, regelmäßig tagende Netzwerke und eine gesicherte Finanzierung essenziell. Die Integration von Telemedizin, digitalen Kommunikationsplattformen und Kapazitätsmeldesystemen sollte gezielt vorangetrieben werden, um die sektorübergreifende Zusammenarbeit zu stärken und Versorgungslücken zu schließen.
Schlüsselwörter
Entlassmanagement, Entlassungsmanagement, Überleitungsmanagement, Pflegeüberleitung, Versorgungsmanagement, Anschlussversorgung
1 Hintergrund
Das Entlassmanagement (EM) umfasst koordinierte Maßnahmen, die den Übergang von Patient*innen aus dem Krankenhaus in das häusliche Umfeld oder in weiterführende Versorgungsangebote begleiten. Ziel ist eine lückenlose Anschlussversorgung, die sowohl medizinische und pflegerische Kontinuität sicherstellt als auch Komplikationen vorbeugt und die Lebensqualität verbessert. In ländlichen und strukturschwachen Regionen stellt die Umsetzung des EM besondere Anforderungen dar. Versorgungsangebote sind oft räumlich verstreut, spezialisierte Einrichtungen nur eingeschränkt erreichbar, und der Fachkräftemangel verschärft bestehende Engpässe. Mecklenburg-Vorpommern (MV) ist hiervon in besonderem Maße betroffen: Mit 68 Einwohner*innen pro Quadratkilometer weist es die geringste Bevölkerungsdichte Deutschlands auf [1]. Seit 1990 ist die Bevölkerung um 15 Prozent zurückgegangen, während sich der Anteil der über 65-Jährigen verdoppelt hat [2], [3]. Diese Entwicklungen erhöhen den Druck auf kommunale Versorgungsstrukturen und verdeutlichen die Notwendigkeit angepasster EM-Konzepte. In diesem Kontext haben sich in MV vier regionale Runde Tische (RT) etabliert, die das Ziel verfolgen, die Gesundheitsversorgung vor Ort nachhaltig zu gestalten. In diesen Netzwerken arbeiten regionale Akteur*innen aus Gesundheitswesen, Sozialarbeit, Politik, Zivilgesellschaft und Verwaltung multidisziplinär zusammen, um sektorenübergreifende Strategien für die Akut- und Nachsorge von Patient*innen zu entwickeln.
Das Verbundprojekt NAHVERSORGT untersucht, wie das EM in MV umgesetzt wird und welche strukturellen Faktoren den Prozess beeinflussen. Internationale Studien weisen darauf hin, dass Patient*innen in ländlichen Regionen nach der Krankenhausentlassung einem erhöhten Risiko für Versorgungslücken und negative Folgen ausgesetzt sind [4], [5]. Aufbauend darauf geht die vorliegende Studie folgenden Fragen nach:
- Wie priorisieren relevante Stakeholder in strukturschwachen, ländlichen Regionen in MV Herausforderungen, Ziele und Maßnahmen im EM?
- Welche Vorschläge zur Weiterentwicklung des EM werden formuliert, und welche Maßnahmen gelten als besonders wirksam?
Damit soll ein vertieftes Verständnis für die spezifischen Bedarfe im EM ländlicher Räume gewonnen werden. Die Ergebnisse sollen praxisnahe Ansatzpunkte für die Weiterentwicklung regional angepasster Versorgungskonzepte liefern.
2 Methode
Es wurde ein qualitatives Forschungsdesign gewählt, um die Perspektiven der Teilnehmenden an den RT sichtbar zu machen und daraus konkrete Handlungsempfehlungen für das EM in ländlichen Regionen abzuleiten. Das Format der Gruppendiskussion ermöglicht es, Perspektiven und Meinungen zu einem Thema zu sammeln und zu vergleichen [6] sowie gemeinsame Lösungsansätze für komplexe Fragestellungen zu entwickeln [7]. Zur Strukturierung der Gruppendiskussionen wurde ein teilstandardisierter Leitfaden entwickelt, der auf den Ergebnissen der ersten Fokusgruppendiskussion (FGD) des Verbundprojekts [8] sowie eines vorangegangenen Scoping Reviews [9] basiert. Der Leitfaden gliederte sich in vier thematische Dimensionen (s. Tabelle 1 [Tab. 1]), zu denen offene Fragen formuliert wurden. Dadurch wurde gewährleistet, dass alle Themenfelder in den Diskussionen adressiert und die Antworten entlang individueller Relevanzsetzungen entfaltet werden konnten.
Tabelle 1: Dimensionen des Diskussionsleitfadens
Ergänzend wurde die Methode der Strukturlegetechnik (SLT) eingesetzt, um Priorisierungen innerhalb der Themenfelder sowie regionale Unterschiede der RT zu identifizieren. Die SLT ermöglicht den Teilnehmenden, komplexe Zusammenhänge visuell und kognitiv zu strukturieren. Die Ordnung entsteht einerseits durch Formalrelationen wie „ist eine Voraussetzung von“ und andererseits durch die optische Vor- und Überordnung der Konzeptkarten, wobei übergeordnet positionierten Karten eine höhere Gewichtung zukommt [10]. Das Ergebnis ist ein Strukturbild, das Argumentationsmuster, Denkwege und inhaltliche Bezüge explizit sichtbar macht [10].
Im Rahmen der FGD priorisierten die Teilnehmenden die während der jeweiligen RT-Sitzung erarbeiteten Maßnahmen und bewerteten deren relative Bedeutung. Dies ermöglichte einen vertieften Einblick in die Wahrnehmung zentraler Handlungsfelder und in regionale Unterschiede zwischen den RT in MV. Die Datenerhebung erfolgte vom 01.07.2025 bis 22.07.2025 in Präsenz während regulärer RT-Treffen. Als Diskussionsdauer wurde ein Zeitraum von 60 Minuten angesetzt. Alle Diskussionen wurden von einer in qualitativer Interviewforschung erfahrenen Person moderiert, um methodische Konsistenz sicherzustellen und Verzerrungen in der Durchführung zu minimieren.
Datenauswertung
Die Gruppendiskussionen wurden transkribiert; die Datenaufbereitung und -auswertung erfolgte kategorienorientiert und in pseudonymisierter Form. Es wurde der methodische Ansatz der inhaltlich strukturierenden qualitativen Inhaltsanalyse [11] gewählt, um das Datenmaterial aufzubereiten und auszuwerten. Die Methodik ermöglicht ein deduktiv-induktives Vorgehen. Alle Schritte der Datenauswertung erfolgten elektronisch gestützt über die Software MAXQDA (Release 24.2.0). Für die vorliegende Studie liegt ein positives Ethikvotum durch die Ethikkommission der Hochschule Neubrandenburg vor (Reg.-Nr.: HSNB/216/24).
3 Ergebnisse
Im Erhebungszeitraum wurden an vier RT in MV Gruppendiskussionen mit insgesamt 30 Teilnehmenden (n=18 weiblich) durchgeführt. Vertreten waren regionale Akteur*innen aus Gesundheitswesen, Sozialarbeit, Politik, Zivilgesellschaft und Verwaltung. Die Diskussionen dauerten im Schnitt rund 85 Minuten. Sämtliche Beiträge flossen in die Datenanalyse ein. Im Zuge der Auswertung wurden sieben Oberkategorien (OK) mit insgesamt 111 differenzierten Ausprägungen auf verschiedenen Unterkategorien-Ebenen herausgearbeitet (s. Tabelle 2 [Tab. 2]). Einige Kategorien dienen dabei als Ordnungskategorien im Sinne von Kuckartz [11], die das Kategoriensystem strukturieren und nicht immer direkt für die Codierung genutzt werden. Im Folgenden werden die OK3 bis OK6 näher dargestellt, da sie die zentralen Themenfelder abbilden.
Tabelle 2: Übersicht der Oberkategorien mit Kurzdefinitionen
OK3: Verbesserung der Zusammenarbeit im Entlassmanagement
Zur Optimierung der Zusammenarbeit wurde insbesondere die Verbesserung von Schnittstellen und Kommunikationswegen zwischen Krankenhaus, Ärzt*innen, Pflegefachkräften, Sozialdiensten, Quartiersleitungen und Pflegestützpunkten benannt. Digitale Werkzeuge wie das Portal Recare wurden als Möglichkeit beschrieben, Kapazitätsanfragen gebündelt an potenzielle Nachsorgeeinrichtungen zu übermitteln und Rückmeldungen zu erhalten. Auch die Einführung einer pseudonymisierten lokalen Akte oder die Nutzung der elektronischen Patientenakte wurden als Optionen zur Verbesserung des Informationsflusses genannt. Regionale Meldeplattformen und Cluster-Modelle, wie sie unter der Corona-Pandemie eingerichtet waren, könnten nach Ansicht der Teilnehmenden Kapazitätsmeldungen und Bedarfsabfragen erleichtern. Datenschutzkonforme Kommunikationsstrukturen wurden als zentrale Voraussetzung betont. Darüber hinaus wurde auf die Notwendigkeit einer personellen und finanziellen Absicherung koordinierender Rollen, etwa durch City-Manager*innen oder Physician Assistants, hingewiesen:
OK4: Verbesserung der Gesundheitssituation vulnerabler Gruppen
Für vulnerable Personengruppen, wie Palliativ- und Demenzpatient*innen oder ältere, multimorbide Menschen, wurden verschiedene Maßnahmen vorgeschlagen. Dazu zählen Case-Management-Ansätze sowie der Einsatz von Gesundheitslots*innen oder Community Health Nurses, die auch nach der Entlassung in der Häuslichkeit unterstützen, Anträge begleiten und auf Barrieren im Wohnumfeld achten. Die enge Zusammenarbeit mit Sozialdiensten und Pflegestützpunkten wurde als wichtiger Bestandteil dieser Begleitung beschrieben. Zudem wurden Übergangs- und Kurzzeitwohnformen angeregt, um Versorgungslücken zu überbrücken. Genannt wurden Pflegewohnungen, die zeitweise von Angehörigen mitgenutzt werden können, Kooperationen mit Wohnungsbaugesellschaften sowie Mischkonzepte wie barrierearme Ferienwohnungen mit Pflegeoption. In diesem Zusammenhang betonten Teilnehmende auch die Bedeutung klarer baulicher Richtlinien, damit Wohnungsanbieter und -gesellschaften über entsprechende Standards informiert sind:
Ergänzend wurden barrierefreie Musterwohnungen zur Information und Sensibilisierung vorgeschlagen. Quartiersorientierte Versorgungsansätze mit lokalen Anlaufstellen, Begegnungsräumen und der Einbindung lokaler Netzwerke wurden mehrfach betont.
OK5: Informationsvermittlung und Transparenz in der Gesundheitsversorgung
Die Teilnehmenden beschrieben den Zugang zu Informationen über das EM und weiterführende Angebote häufig als erschwert oder unübersichtlich. Ein wiederkehrendes Anliegen war daher die Einrichtung digitaler Plattformen, die regionale Angebote, Ansprechpartner*innen und Kapazitäten bündeln und regelmäßig gepflegt werden:
Dabei wurde betont, dass nicht nur Patient*innen selbst, sondern auch An- und Zugehörige, die häufig aus der Ferne unterstützen, von einer solchen Transparenz profitieren würden:
Als ergänzende Maßnahmen wurden öffentlichkeitswirksame Formate wie Gesundheitstage, Thementage oder Messen vorgeschlagen, die Bevölkerung und Fachakteur*innen zusammenbringen und den direkten Austausch fördern. Als geeignete Orte hierfür wurden unter anderem Tagespflegen, Stadtgebäude oder Begegnungsstätten genannt.
OK6: Konkrete Handlungsempfehlungen
Im Rahmen der fünften Oberkategorie „Konkrete Handlungsempfehlungen“ wurde die Methode der SLT eingesetzt, um gemeinsam mit den Teilnehmenden prioritäre Maßnahmen zu identifizieren. Die dabei vorgenommene Gewichtung verdeutlicht, welche Themen aus Sicht der Beteiligten als besonders dringlich und relevant erachtet werden. Übergreifend zeigte sich eine hohe Gewichtung auf der Förderung von Vernetzung sowohl zwischen Gesundheitsakteur*innen innerhalb der Region als auch überregional. Dies umfasste die Etablierung lokaler Ärzt*innennetze, die engere Einbindung von Pflegestützpunkten sowie den Aufbau oder die Stärkung koordinierender Stellen. Ein weiterer Schwerpunkt lag auf der Weiterentwicklung digitaler Strukturen, darunter regionale Portale, Datenbanken zu regionalen Dienstleistungsunternehmen und weitere Online-Plattformen, die Informationen bündeln und die Kommunikation zwischen Leistungserbringern erleichtern. In mehreren Gruppen wurde zudem der Ausbau der Telemedizin als besonders wichtige Maßnahme benannt, um Versorgungslücken insbesondere in entlegenen Regionen zu schließen. Die Prävention wurde ebenfalls als zentrales Handlungsfeld hervorgehoben. Dies beinhaltete Bildungs- und Aufklärungsmaßnahmen zu Bewegung, Ernährung und Demenzsensibilisierung sowie Multiplikator*innenschulungen zur breiteren Streuung von Gesundheitsinformationen:
Die im Rahmen der SLT Identifizierten Maßnahmen lassen sich übergreifend in mehrere Themenfelder einordnen. Tabelle 3 [Tab. 3] zeigt eine standortunabhängige Übersicht der diskutierten Handlungsansätze, geordnet nach ihrer Häufigkeit und Relevanz in den Gruppendiskussionen. Dabei wurde mehrfach die Notwendigkeit betont, Prävention „anders zu denken“ und stärker in alltägliche Kontexte einzubinden, um die Akzeptanz zu erhöhen. Insgesamt fand sich in allen FGD der Vorschlag, Bedarfsanalysen zur gezielten Angebotsentwicklung durchzuführen, beispielsweise im Bereich der Verhinderungspflege, dem Rettungsdienst oder der Wohnraumanpassung. Als ergänzendes Element wurden Bürgerbeteiligungsformate wie eine „Wunschbox“-Umfrage genannt. Neben gemeinsamen Handlungsfeldern zeigten sich auch regionale Unterschiede in der Schwerpunktsetzung. Während an einigen RT vor allem organisatorische Strukturen und die Verbindlichkeit der Zusammenarbeit betont wurden, lag andernorts der Fokus stärker auf Begegnungsorten, Aufklärungsmaßnahmen sowie dem Ausbau digitaler Lösungen wie Telemedizin. Als langfristige Zielsetzung wurde an allen RT die Bedeutung eines gesellschaftlichen Bewusstseinswandels im Bereich der Gesundheitsprävention hervorgehoben. Informations- und Beratungsangebote sollten künftig früher und selbstverständlicher genutzt werden: „Also mit Gesundheitskompetenz, Förderprävention, ist ein Thema, das im Kindergarten eigentlich schon anfangen muss, also definitiv langfristig und andauert.“ (H207, Abs. 102) Dazu gehört auch, bestehende Vorurteile gegenüber Pflegestützpunkten abzubauen und deren Rolle als zentrale Anlaufstellen stärker positiv hervorzuheben:
Tabelle 3: Übersicht der diskutierten Themen und Maßnahmen nach Priorisierungsgrad
Prävention wird damit nicht nur als ergänzendes Handlungsfeld verstanden, sondern als übergreifende Querschnittsaufgabe, die wesentlich zur Stärkung regionaler Versorgungsstrukturen beiträgt.
4 Diskussion
Die Ergebnisse der FGD bestätigen nicht nur zentrale Herausforderungen und Lösungsansätze aus dem Scoping Review, sondern erweitern diese um spezifische Perspektiven auf die besonderen strukturellen und sozialen Bedingungen ländlicher Regionen von MV. Im Folgenden werden diese Befunde entlang der OK2 bis OK5 diskutiert.
OK2: Verbesserung der Zusammenarbeit im Entlassmanagement
Die Ergebnisse verdeutlichen, dass ein zentrales Handlungsfeld in der Optimierung der internen Zusammenarbeit zwischen Krankenhaus, niedergelassenen Ärzt*innen, Pflegefachkräften, Sozialdiensten, Quartiersleitungen und Pflegestützpunkten liegt. Im Fokus steht dabei die Abstimmung innerhalb des professionellen Netzwerks, um Versorgungsbrüche zu vermeiden. Genannt wurden vor allem digitale Werkzeuge wie die elektronische Patientenakte oder regionale Kapazitätsmeldesysteme, die den Informationsfluss zwischen Leistungserbringern strukturieren können. Forschungsprojekte aus Deutschland zeigen, dass solche Plattformen die Kommunikation nachweislich verbessern, wenn sie standardisiert genutzt [12] und technisch sowie terminologisch kompatibel sind [13]. Darüber hinaus wurde die Notwendigkeit hervorgehoben, koordinierende Rollen personell und finanziell abzusichern, wobei die Literatur unterstreicht, dass klar definierte Aufgaben und Verantwortlichkeiten entscheidend für den Erfolg solcher Positionen sind [14], [15]. Ein Blick auf deutsche Modellprojekte wie das AGnES-Konzept („Arztentlastende, Gemeindenahe, E-Health-gestützte Systemische Intervention“) verdeutlicht zusätzlich, dass durch die strukturierte Delegation ärztlicher Aufgaben an qualifiziertes nichtärztliches Personal ärztliche Ressourcen effizienter genutzt und die Zusammenarbeit im regionalen Versorgungsnetzwerk gestärkt werden können [16], [17]. Solche Ansätze zeigen das Potenzial innovativer Kooperationsformen, machen aber auch deutlich, dass deren Erfolg an klare Zuständigkeiten und eine nachhaltige Finanzierung gebunden ist. Damit wird erkennbar, dass erfolgreiche Zusammenarbeit im EM nicht allein durch digitale Werkzeuge, sondern durch ein Zusammenspiel von technischer Infrastruktur, verbindlichen Verantwortlichkeiten und verlässlichen Finanzierungsstrukturen gewährleistet werden kann.
OK3: Verbesserung der Gesundheitssituation vulnerabler Gruppen
Die FGD machten deutlich, dass vulnerable Personengruppen wie ältere, multimorbide Patient*innen einen besonderen Unterstützungsbedarf haben. Als geeignete Ansätze wurden Case-Management, Lots*innenfunktionen und Community Health Nurses benannt, die Patient*innen sowie Zu- und Angehörigen als systemübergreifende Ansprechpartner*innen dienen können. Vergleichbare Modelle wurden in Deutschland bereits erprobt, etwa die „Pfadfinder“ im TIGER-Projekt [18], [19] oder Case-Management-Programme [20], [21]. Diese Beispiele unterstreichen, dass solche Rollen eine bessere Orientierung im Versorgungssystem ermöglichen. Kritisch bleibt jedoch, dass ihre nachhaltige Finanzierung und Integration in bestehende Strukturen bislang ungelöst sind. Darüber hinaus betonten die Teilnehmenden die Bedeutung von Übergangs- und Kurzzeitwohnformen, barrierefreien Musterwohnungen und kooperativen Wohnmodellen, die Versorgungslücken nach der Entlassung adressieren und Re-Hospitalisierungen vermeiden sollen. Das Innovationsfondsprojekt StatAMed verdeutlicht exemplarisch, wie solche sektorübergreifenden Modelle ausgestaltet werden können [22]. Gleichzeitig zeigt sich, dass es einer systematischen Evaluation und Skalierung solcher Ansätze bedarf, um ihren Nutzen langfristig abzusichern.
OK4: Informationsvermittlung und Transparenz in der Gesundheitsversorgung
Unsere Ergebnisse weisen darauf hin, dass fehlende Transparenz und schwer zugängliche Informationen im EM ein zentrales Problem in der regionalen Gesundheitsversorgung in MV darstellen. Digitale Plattformen wie regionale Gesundheitsportale, elektronische Patientenakten oder Nachsorge-Datenbanken wurden von den Teilnehmenden als vielversprechende Innovationen beschrieben, da sie Informationen bündeln und eine schnellere Orientierung im Versorgungsprozess ermöglichen. In der Literatur gelten solche Lösungen als Schlüssel, um sektorenübergreifende Informationsflüsse zu verbessern und Versorgungskontinuität herzustellen [23]. Gleichzeitig zeigt sich, dass die Wirksamkeit solcher Systeme entscheidend von ihrer Standardisierung, Interoperabilität und kontinuierlichen Pflege abhängt. Zudem wird deutlich, dass digitale Transparenzlösungen zwar erhebliche Innovationspotenziale bieten, aber zugleich das Risiko bergen, bestehende Ungleichheiten zu verstärken: Bevölkerungsgruppen ohne digitale Kompetenzen oder Zugänge könnten ausgeschlossen werden. Vor diesem Hintergrund kommt analogen Formaten, wie beispielsweise Gesundheitstagen oder lokalen Begegnungsveranstaltungen weiterhin eine große Bedeutung zu. Kritisch ist, dass solche Formate bislang häufig punktuell und wenig systematisch eingesetzt werden. Eine innovative Perspektive wäre es daher, digitale und analoge Informationskanäle stärker zu verzahnen und verbindlich in regionale Versorgungsstrukturen einzubinden.
OK5: Konkrete Handlungsempfehlungen
Die Priorisierung der Themen im Rahmen der SLT verdeutlicht, dass strukturelle und organisatorische Maßnahmen von den Teilnehmenden als besonders dringlich angesehen werden. Zentral war dabei die stärkere Verbindlichkeit und Organisation der RT, einschließlich klarer Zieldefinitionen, Aufgabenverteilungen und regelmäßiger Treffen. Die Literatur unterstreicht, dass genau diese Faktoren über den Erfolg interdisziplinärer Kooperation entscheiden. Netzwerke können nur dann nachhaltig wirken, wenn Rollen klar definiert, Kommunikationswege verbindlich etabliert und organisatorische Rahmenbedingungen institutionell abgesichert sind [24], [25]. Kritisch ist jedoch, dass gerade an diesen Punkten in der Praxis häufig Defizite bestehen, sodass vielversprechende Kooperationsansätze nicht über Modellcharakter hinauskommen. Weiterhin wurden der Ausbau digitaler Strukturen sowie der verstärkte Einsatz von Telemedizin als prioritäre Maßnahmen benannt. Studien zeigen, dass solche Technologien insbesondere in strukturschwachen Regionen den Zugang zur Versorgung verbessern und den Informationsaustausch beschleunigen können [26]. Ergänzend betonten die Teilnehmenden die Förderung von Prävention und Gesundheitskompetenz, einschließlich Multiplikator*innenschulungen und zielgruppenorientierter Aufklärung, die aktuelle nationale Initiativen und Programme widerspiegeln [27], [28]. Lokale Bestands- und Bedarfsanalysen sowie Bürgerbeteiligungsformate wie ‚Wunschbox‘-Umfragen wurden von den Teilnehmenden als notwendige erste Handlungsschritte beschrieben: „Aber ich denke, so eine Marktanalyse, was fehlt und was geht, müsste auf jeden Fall, wäre schon sehr wichtig.“ (S202, Abs. 243) Sie bilden die Grundlage für ein gezieltes Vorgehen und machen deutlich, dass die ermittelten Bedarfe je nach Region variieren können, was die Bedeutung einer regional angepassten Umsetzung unterstreicht.
Limitationen
Die Studie orientierte sich an den Kernkriterien qualitativer Forschung nach Steinke [29]. Intersubjektive Nachvollziehbarkeit wurde durch die Dokumentation der Datenauswertung in MAXQDA, die Inhaltsanalyse über zwei Forschende sowie ein kodifiziertes Verfahren gewährleistet. Die empirische Verankerung [29] stützt sich auf ein deduktiv-induktives Vorgehen, den Bezug zur ersten FGD sowie zum vorangegangenen Scoping Review. Einschränkungen ergeben sich vor allem aus der Zusammensetzung des Samples, die ausschließlich Teilnehmende der RT in MV umfasste. Damit sind die Ergebnisse stark durch die regionale Spezifität eines ländlich und strukturschwach geprägten Bundeslandes beeinflusst und nur eingeschränkt auf andere Kontexte übertragbar. Zudem fehlten bestimmte Perspektiven, beispielsweise die der Patient*innen, sodass ergänzende FGD mit weiteren gesundheitsberuflichen Akteur*innen und Betroffenen zu zusätzlichen Erkenntnissen führen könnten. Darüber hinaus sind in FGD gruppendynamische Effekte und sozial erwünschtes Antwortverhalten möglich [30]. Die eingesetzte SLT ist in diesem Kontext ein innovatives Format und stellt ein Alleinstellungsmerkmal der Studie dar. Zwar ist die thematische Anordnung teilweise subjektiv geprägt und komplexe Zusammenhänge können nur bedingt abgebildet werden, dennoch erlaubt die Methode eine systematische Priorisierung und hierarchische Einordnung von Themenfeldern über verschiedene Standorte hinweg. In Verbindung mit den FGD liefert die SLT damit praxisnahe, vergleichbare Ergebnisse und trägt unmittelbar zur Zielsetzung der Studie bei.
5 Schlussfolgerung
Die Studienergebnisse weisen darauf hin, dass nachhaltige Verbesserungen im EM ländlicher Regionen vor allem auf drei Ebenen ansetzen müssen: stabile und verbindliche Netzwerke, digitale Kapazitäts- und Informationssysteme sowie der Ausbau telemedizinischer Strukturen. Darüber hinaus verdeutlichen die Befunde, dass Community-Health-Nurse-Modelle und flexible Übergangs- und Kurzzeitpflegeangebote einen besonderen Beitrag zur Versorgungssicherheit vulnerabler Gruppen leisten. Präventive Bildungsangebote und partizipative Beteiligungsformate erscheinen dabei nicht nur als flankierende Maßnahmen, sondern als zentrale Elemente einer zukunftsfähigen Versorgungsstrategie. Die vorliegende Studie liefert damit nicht nur praxisnahe Priorisierungen, sondern trägt auch zur theoretischen Fundierung der Frage bei, wie EM in strukturschwachen, ländlichen Kontexten systematisch weiterentwickelt werden kann. Weitere Forschung ist notwendig, um die Umsetzung und Wirksamkeit der priorisierten Maßnahmen zu evaluieren und ihre Übertragbarkeit auf andere ländliche Regionen zu prüfen.
Abkürzungen
- EM: Entlassmanagement
- FGD: Fokusgruppendiskussion
- MV: Mecklenburg-Vorpommern
- OK: Oberkategorie
- RT: Runde Tische
- SLT: Strukturlegetechnik
Anmerkungen
Danksagung
Die Autor*innen bedanken sich bei den Akteur*innen der Runden Tische für ihre Teilnahme an den freiwilligen Gruppendiskussionen.
Förderung
Diese Arbeit ist Teil des Verbundprojektes „NAHVERSORGT – Na©hversorgt in der Region“. Das dieser Veröffentlichung zugrundeliegende Projekt wurde mit Mitteln des Innovationsausschusses beim Gemeinsamen Bundesausschuss unter dem Förderkennzeichen 01VSF23038 gefördert.
Interessenkonflikte
Die Autor*innen erklären, dass sie keine Interessenkonflikte im Zusammenhang mit diesem Artikel haben.
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